SOS Narrenschiff
Ich hinke meiner Zeit wieder einmal hoffnungslos hinterher, denn noch immer dümple ich im trüben Fahrwasser meiner First-Life-Existenz. Keine Spur vom Kick eines Second Life.
Für all jene, die dieser Segnung des Internets bislang entgangen sind, schiebe ich hier eine Kurzdefinition im Originalton ein: „Second Life ist eine virtuelle Welt – eine dauerhaft bestehende 3D-Umgebung, die vollständig von ihren Bewohnern erschaffen und weiterentwickelt wird. In dieser gewaltigen und schnell wachsenden Onlinewelt können Sie praktisch alles erschaffen oder werden, was Sie sich vorstellen können.“
Wiedergeburt ist out – Second Life ist in! So läuft’s. Rosige Aussichten, die mich dennoch einigermassen unberührt lassen. Selbst ein kurzer Blick in die schöne neue Zweitwelt macht mich nicht gluschtiger. Die Strassen in dieser 3D-Umwelt sind so öde, dass dagegen die Bahnhofstrasse am Sonntag nach Samba klingt. Im Vergleich zu den Second-Life-Girls verkörpern Barbie-Puppen das pralle Leben. Und wer sich wenigstens nach einer werbefreien Alternativwelt sehnt, gerät von der Dauerberieselung geradewegs in die Konsumhölle.
Nach dem Kurztrip illusionsfrei wieder im Diesseits angekommen, dringen bereits Berichte von drüben zu mir, dass dort auch nicht mehr alles so proper sei, wie es die Teilnahmebedingungen eben noch versprochen haben. Kaum aus dem Cyber-Boden geschossen, setzt das zweite Leben bereits Schmuddel an und beschäftigt mit seiner virtuellen Pornographie ganz reale Staatsanwälte. Also schon wieder nichts geworden mit der heilen Welt.
Irgendwie komisch: Eben haben sie noch Neo zugejubelt, der aus der „Matrix“ ausgestiegen ist, und schon suchen sie ihr Glück im Cyberspace. Egal. Für mich ist der Express ohnehin abgefahren. Also verharre ich als ein Life-Poor in meinem ersten Leben, warte auf meine dritten Zähne und finde mein bisschen Glück im Vergleich zu dem Haufen Schrott, den ich in Second Life verpasse, dann doch gar nicht so schlecht.
Eintrag ins Logbuch: Was wäre, wenn die Menschen in ihr erstes Leben ebenso viel investieren würden wie in die Fata Morgana eines zweiten?
THOMAS BINOTT0