Jesus. Kein Mannsbild!
In diesen Tagen hat der Vatikan wieder einmal einen Theologen gemassregelt. Der Jesuit Jon Sobrino soll die Gottheit Jesu nicht uneingeschränkt vertreten haben. Damit wird ihm sozusagen das Standardvergehen aller missliebigen Theologen vorgeworfen. Aber diese Anklage ist so wohlfeil, dass man annehmen muss, hier werde mit gezielter Willkür ein Exempel für ganz andere „Vergehen“ inszeniert.
Ein anderer, praktisch flächendeckend verbreiteter Irrglaube kommt dagegen bei der akribischen Suche nach Gottleugnern immer ungeschoren davon: die Mensch-Leugnung. Dabei ist der Glaube, dass Jesus Gott war, ein Spaziergang im Vergleich zum Glauben, dass er Mensch war. Und doch fordert uns Paulus, und nicht nur er, genau darin heraus: „Christus Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäusserte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen, er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“
Es gibt einen einfachen Selbsttest, um unseren Glauben an die Menschwerdung von Jesus Christus zu prüfen: Stellen Sie sich einen kleinen, dicken, kahlköpfigen Mann vor, der behauptet, er sei der Sohn Gottes. Oder einen mit einem Buckel, hinkend, mit einem schwachen Stimmchen, einer Zahnstellung wie ein verrotteter Gartenzaun, ein Menschensohn, der uns anschielt. Und wem das wie eine abstruse Phantasie vorkommt: Schauen Sie in das nächste männliche Gesicht, dem Sie begegnen, und reden Sie sich dann ein: Genau so hat Jesus Christus ausgesehen!
Bei mir ist das Testergebnis stets aufs Neue erschütternd. Ich muss nämlich eingestehen, dass ich mir Jesus Christus unwillkürlich als Strahlemann vorstelle, als Verkörperung eines Schönheitsideals, als Mannsbild von einem Mann, als einen Gott mit menschlichem Make-up.
Die grösste Zumutung des Christentums besteht nicht darin, an einen Gott zu glauben, der unter uns weilte. Die Zumutung besteht darin, an einen Menschen zu glauben, der unter uns weilte, an eine Töggelifigur wie wir, in den drastischen Worten des Paulus: versklavt und erniedrigt.
So schwer uns dieser Glaube auch fällt, er ist der archimedische Punkt des Christentums, der alles verändert. Denn wer die Menschlichkeit von Jesus Christus nicht annehmen kann, der wird nie entdecken, welche ungeheure Befreiung das Christentum für uns Menschen bringen kann. Der wahrhaftige Glaube, dass Gott wirklich Mensch geworden ist, hat nämlich unmittelbar zur Folge, dass wir in jedem Menschen Gott sehen. Und nochmals gilt es den Selbsttest zu bestehen: Halten wir dem Blick Gottes in jedem Menschen stand? Auch in den vom Leben gezeichneten, unansehnlichen, unsympathischen, erfolglosen und ausgeschlossenen? An Makellosigkeit, Schönheit und Erfolg zu glauben, fällt uns leicht – eben weil wir alles Perfekte und Erhabene für göttlich halten.
Umso bedauerlicher ist, dass die Lesung am Palmsonntag nicht schon einen Vers früher einsetzt. Dort heisst es nämlich: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Jesus Christus entspricht.“ Und so findet das Paradox vom wahren Gott und wahren Menschen doch noch zu einer Einheit: Wenn ich nicht an den Menschen Jesus Christus glaube und mich ihm darin verbunden fühle, dann leugne ich nicht nur die Menschwerdung Gottes, ich werde auch den göttlichen Jesus aus den Augen verlieren.
THOMAS BINOTTO