SANCTUS
„Dem Meer ist das Schweigen, der Erde das Schreien, dem Himmel das Singen zu eigen,“ stellt Mahatma Gandhi in Bezug auf die drei Lebensräume des Kosmos fest. Der Mensch hat Anteil an allen drei Seinsweisen: Das Schweigen führt ihn in die abgründigen Tiefen seiner Existenz. Im Schreien lehnt er sich auf gegen Not und Ungerechtigkeit auf der Erde. Das Singen aber lässt ihn teilhaben am Gesang der himmlischen Chöre; es weist über menschliches Mass hinaus und öffnet für die Weiten des Himmels.
Diese dritte Dimension kommt im Gesang des Sanctus (deutsch „heilig“) der Messe besonders deutlich zum Tragen. Mehrere Bibelzitate verbinden sich darin zu einem Lobruf der gottesdienstlichen Gemeinde innerhalb des grossen Dankgebetes der Eucharistie. Mit dem Propheten Jesaja (Jesaja 6,1–4) stehen wir ehrfürchtig vor Gott und staunen über seine Grösse und Erhabenheit, die menschliches Ermessen übersteigt. Allein der Saum seines Gewandes füllt den Tempel aus. Mehr noch: Wir dürfen in den gewaltigen Gesang der Engel einstimmen, die einander unablässig die Heiligkeit Gottes zurufen, so dass die Türschwellen des Tempels erzittern. Mit dem Volk von Jerusalem und mit der ganzen Kirche erwarten wir Jesus Christus, der „kommt im Namen des Herrn“ (Matthäus 21,9), und der uns in der Feier der Eucharistie begegnet.
Das Sanctus stiftet eine Raum und Zeit übergreifende Chorgemeinschaft. Es ist Vorbild für all unser Singen, denn es hat kein anderes Ziel als die überschwängliche Freude der Geschöpfe an Gott zum Ausdruck zu bringen.
JOSEF-ANTON WILLA
MITARBEITER IM LITURGISCHEN INSTITUT