Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Beten nach Vorgabe oder in freier Form?

Nachbeten – Mitbeten – Vorbeten

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Die einen halten sich beim Beten an vorgegebene Texte. Für die anderen zeigt sich das reife Gebet in freien Formulierungen. Daraus muss kein Widerspruch werden, denn beide Formen ergänzen sich, meint der Theologe Simon Peng-Keller.

„Beten heisst: Erhebung des Herzens zu Gott.“ Es ist erstaunlich, dass in dieser klassischen Wesensbestimmung des Betens gar nicht von gesprochenen Worten die Rede ist.
Beten ist ein Beziehungsgeschehen: Wer betet, öffnet sich für Gottes Gegenwart. Das kann auch ohne Worte geschehen. Dennoch findet niemand zum eigenen Beten ohne vorgegebene Gebete, die ihn oder sie an der Hand nehmen. Beten lernt man durch Nachbeten. Es gleicht dem Erlernen einer Sprache: „Wer nicht nachsprechen will, lernt nicht nur niemals mitzusprechen, er bleibt stumm und findet nie zum eigenen Wort“, sagt der Liturgiker Angelus Häussling.
So ermutigen die Psalmen, rückhaltlos alles vor Gott zu bringen. Sie legen uns Worte in den Mund, die uns selber nicht eingefallen wären oder die vor Gott auszusprechen wir nicht wagen würden. Solche Gebete, die wir durchs Nachbeten erlernen, schaffen Räume, die wir bewohnen können. In ihnen beginnt die neue Schöpfung zu atmen. Und sie kommen uns zu Hilfe, wenn wir zu verstummen drohen. Die Erneuerung und Vertiefung des Glaubens geschieht meist, in dem wir zu einer für uns neuen Gebetssprache und Gebetsform finden.
Frère Roger Schütz erzählte oft, wie er am Krankenbett seiner Schwester aus einer Gebets- und Glaubenskrise fand: „Wir waren auf das Ende gefasst. Das einzige Gebet, das mir über die Lippen kam, waren die Psalmworte: ‚Mein Herz denkt an dein Wort: Suche mein Angesicht. Dein Angesicht, Herr, will ich suchen.‘ Diese Worte erschienen mir Gott gegenüber aufrichtig. Mein Herz drängte mich, sie zu sprechen. Mir wurde klar, dass ich niederknien und dieses Gebet zu dem meinen machen konnte.“

VERBUNDEN MIT ANDEREN

Vorgeprägte und durch die Jahrhunderte bewährte Gebete bilden eine Schule des Hörens und Glaubens. Die Nachbetenden stellen sich in eine lange Kette von Menschen, die vor ihnen mit den gleichen Worten gebetet haben. Sie verbinden sich mitbetend mit
der generationenübergreifenden Gebetsversammlung und tragen das ihre dazu bei, dass das Lob und der Dank über Gottes gute Gegenwart sowie die Klage über eine Welt der Gottesferne und die Bitte um Erlösung und Heilung nicht verstummen.
Im antwortenden Nachsprechen stimmen sie ein ins Gottgemurmel, das sich durch die Jahrhunderte zieht. Im Beten des Vaterunsers, des Gebetes Jesu, werden Menschen zu seinen Jüngerinnen und Jüngern. Sie nehmen teil an seiner Beziehung zum Vater, an seinem Hoffen auf den Anbruch des Himmelreiches. Dieses Gebet enthält das ganze Evangelium. Es bringt zum Ausdruck, dass alles von Gottes Wirken abhängt und christliches Leben mit der Bereitschaft beginnt, sich die Vergebung zusprechen zu lassen und selber zu vergeben.
Das Nachbeten ermutigt zum Weiterbeten, zur Suche nach dem Ausdruck für die jeweilige Lebenssituation vor Gott. Die Not und Freude der Mitwelt will zusammen mit den eigenen Sorgen und Wünschen zur Sprache kommen und ins Wort finden. Authentisch ist dieses Weiterbeten, wenn es das mühselige Ringen nach guten Worten und das Gefühl von Armut und Unbeholfenheit nicht mit selbstsicherem Gebetsgerede übertönt.
Vor Gott müssen wir zum Glück nicht viele Worte machen. Wir dürfen verweilen in seiner Gegenwart mit all dem, was in der Stille laut wird, was vor ihn getragen werden und im Aussprechen ihm übergeben werden möchte. Nicht nur als Nachbetende sind wir Empfangende. Wir sind es in besonderer Weise auch dann, wenn wir mit den Worten beten, die uns gerade eingegeben werden. „Denn wir wissen nicht, worum und wie wir in rechter Weise beten sollen; der (Heilige) Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können“, schreibt Paulus im Brief an die Römer.

MEHR ALS WORTE

Das sich in Worten und Gesten artikulierende Beten will zum inneren Gebet werden, zum Herzensgebet, das Gottes Nähe als Heiliger Geist gewärtigt und in sein seufzendes Beten in uns einstimmt. Das Beten in Worten beginnt und endet im Wortlosen, im Seufzen, im anbetenden Staunen. Es gibt der geistgewirkten Sehnsucht nach Erlösung Raum. Nicht zufällig endet die Bibel im Buch der Offenbarung mit der Einladung, das Gebet um das Kommen des messianischen Bräutigams mitzusprechen: „Der Geist und die Braut aber sagen: ‚Komm!‘ Und wer es hört, der rufe: ‚Komm!‘“
Wer sich, berührt und geweckt durch den lebendigen Geist Gottes, in die lange Kette von Betenden einreiht, wird dadurch selber zum Zeugen und zur Stellvertreterin, die andern den Zugang zur Gottesgemeinschaft offen hält und dazu einlädt, den Weg vom Nach- und Mitbeten zum anbetenden Schweigen zu gehen. Auf diesem Weg soll man sich nach Martin Luther „an Worte halten, so lange, bis die Flügel wachsen, dass man fliegen kann ohne Worte.“

SIMON PENG-KELLER

Simon Peng-Keller ist Dozent für Theologie des Geistlichen Lebens an der Theologischen Hochschule in Chur.

Vera Krause, Jürgen Werbick: „Dein Angesicht suche ich. Du.“ Wege ins Beten. 247 Seiten. Katholisches Bibelwerk 2006. ISBN 978-3-460-32080-X.

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