Leichten Sinnes
NÜCHTERN
Wenn uns Kinder fragen, was denn eigentlich Beten sei, dann antworten wir gerne: Beten ist ein Gespräch mit Gott. Diese Antwort scheint sehr kindgerecht zu sein, denn unter einem Gespräch mit Gott können sich Kinder etwas vorstellen. Tatsächlich ist aber genau diese Anknüpfung an die kindliche Erfahrungswelt problematisch. Wenn Kinder mit jemandem sprechen, dann erwarten sie ein Antwort oder zumindest ein eindeutiges Signal, dass ihnen zugehört wird. Wenn sie nun im Gebet von Gott ebenso klare Reaktionen erwarten, werden sie zwangsläufig enttäuscht werden.
Noch schwieriger wird es, wenn wir von elterlichem Voyeurismus getrieben von unseren Kindern religiöse Gefühlsausbrüche erwarten. Nicht selten wird behauptet, Kindern falle der Zugang zu einer intensiven Gefühls- und Glaubenswelt viel einfacher als uns verkopften Erwachsenen. Ich halte das für einen grossen Irrtum. Erstens gibt es unter Kindern genauso unterschiedliche Charismen und Begabungen wie unter allen Menschen. Und zweitens haben auch Kinder ein Recht darauf, ihre intimste Gefühlswelt für sich zu behalten und sie nicht zu unserer frommen Erbauung preiszugeben.
ALLTÄGLICH
Am einfachsten fällt Kindern das Beten, wenn es mit möglichst wenig Anstrengung und Brimborium versehen ist. Bewusst überspitzt formuliert: Je ritualisierter, desto besser. In den meisten Familien machen deshalb nicht zufällig Morgen-, Mittags- und Abendgebete den Kern des Gebetslebens aus. Mit Gebeten markieren wir auch eine Zäsur: Am Morgen den Start in den Tag, am Mittag der Beginn einer Ruhepause und am Abend den Übergang von der Aktivität zur Nachtruhe.
Aufstehen, Essen und Zu-Bett-gehen sind normalerweise keine Vorgänge, die wir uns jeden Tag aufs Neue vornehmen – sie gehören einfach dazu. Genauso sollte das Gebet einfach dazu gehören. Auf ganz selbstverständlich Weise kann es neben der Verbindung mit Gott auch eine ganz praktische Funktion haben: Wir beten morgens um einen gelingenden Tag; wir danken vor dem Essen für die Gaben dieser Erde und unser Wohlergehen; und wir lassen vor dem Schlafen unseren Tag Revue passieren und bitten um einen erholsamen Schlaf. Solche Gebete sind nicht nur unter religiösen sondern auch unter ökologischen und psychologischen Gesichtspunkten sinnvoll und wirksam, eben weil sie mitten im Leben stehen.
ROUTINIERT
Es gibt unzählige wunderbare Kindergebete und immer wieder haben wir deshalb versucht, unser Repertoire zu erweitern. Ohne Erfolg. Kinder mögen einen überschaubaren Gebetsschatz, der in Gedächtnis und Alltag fest verankert ist. Und sie beten lieber auswendig als abgelesen. Irgendwann wurde uns klar, dass wir Erwachsene die Rastlosen und schnell Erlahmenden sind und nicht unsere Kinder. Ihre Fantasie und Vitalität drückt sich gerade darin aus, dass sie das ewig Gleiche scheinbar endlos repetieren können.
Natürlich kann man sie auch zu frei formulierten Gebeten animieren. Aber man sollte nicht enttäuscht sein, wenn nichts davon zum Klassiker des Alltags wird. Und vor allem muss man sich davor hüten, einen religiösen Bekenntnis- und Offenbarungszwang auszuüben. In diesem Sinne gilt gerade für Familien, was Hermann-Josef Venetz zum „Vaterunser“ in diesem Heft schreibt. Gerade weil dieses Gebet ein alltägliches Gemeingut ist, in dem sich unsere fundamentalen Bedürfnisse ausdrücken, gerade deshalb eignet es sich auch als Kindergebet. Und nicht zuletzt bildet es für Kinder eine Brücke in den Gottesdienst.
Für den Sonntagsgottesdienst gilt übrigens dasselbe wie für das Gebet: Nüchtern, alltäglich und routiniert soll er sein. Damit unsere aufbrechenden, verändernden und revolutionären Kräfte nicht schon beim angestrengt originellen Beten verpuffen.
THOMAS BINOTTO