Judentum
Kennt das Judentum ein Grundgebet wie das „Vaterunser“?
Zu den wichtigsten jüdischen Gebeten gehören das „Höre, Israel“, ein nach seinen Anfangsworten benanntes Bekenntnis zu Gottes Einzigkeit, und das so genannte „Achtzehngebet“. Ersteres ist das jüdische Glaubensbekenntnis und enthält Verse aus dem alttestamentlichen Buch Deuteronomium, unter anderen: „Höre, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig. Und du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ Im „Achtzehn(bitten)gebet“, dem ältesten Gemeindegebet, kommen seelische, materielle und nationale Anliegen zur Sprache. Sowohl das „Höre, Israel“ wie auch das „Achtzehngebet“ gehören zum täglichen Morgen- und Abendgebet.
Welches sind die wichtigsten Gebetszeiten?
Religiöse Juden beten drei Mal täglich: das Morgengebet „Schacharit“, das Nachmittagsgebet „Mincha“ und das Abendgebet „Maariv“. Es kann zuhause oder in der Synagoge gebetet werden. Orthodoxe Juden sprechen alle Gebete auf hebräisch, während im liberalen Judentum einige in der Landessprache gesprochen werden. Es gibt ein Grundmuster der Gebete, das je nach Wochentag oder Festtag leicht variiert. Das Gebetbuch für die Wochentage und den Sabbat heisst „Sidur“, jenes für die Festtage „Machsor“. Nebst Gebeten sagen die Juden zu verschiedenen Gelegenheiten Segenssprüche auf, so zum Beispiel vor dem Essen. Diese Sprüche heissen „Brachot“.
Welches sind die wichtigsten Haltungen und Rituale beim Gebet?
Die vorschriftsmässige Gebetshaltung ist das Stehen. Juden bedecken beim Beten ihren Kopf mit einer Kippa oder einer anderen Kopfbedeckung und tragen beim werktäglichen Morgengebet die Gebetsriemen, genannt „Tefillin“, sowie den Gebetsmantel, genannt „Tallit“. Die Gebetsriemen bestehen aus zwei schwarzen Lederkapseln, von denen die eine mit einem schwarzen Lederriemen an den linken Arm, die andere an die Stirn gebunden wird. Die Kapseln enthalten vier auf Pergament geschriebene Bibelabschnitte, die an grosse Ereignisse aus der jüdischen Geschichte erinnern. Die Verpflichtung zum Tragen der „Tefillin“ steht im „Höre, Israel“: „Du sollst diese Worte als Zeichen auf deine Hand binden und sie als Merkzeichen auf deiner Stirn tragen.“ Der Gebetsmantel, ein weisses Tuch aus Wolle, Baumwolle oder Seide, geht auf ein Gebot aus dem Buch Numeri zurück. Das über die Schultern gelegte Tuch mit seinen Schaufäden erinnert den Beter daran, dass die Gebote Gottes sein Leben wie einen Mantel umschliessen sollen. Im orthodoxen Judentum ist das Tragen der Gebetsriemen und des Gebetsmantels den Männern vorbehalten.
JUDITH HARDEGGER