Gebete aus tiefster Kinderseele
Mit Glasperlen, Gold- und Silbersteinchen legen sechs Kinder Muster vor sich aufs gelbe Tuch, manchmal führt eine Perlenkette bis hin zur Kerze. „Unsere Mitte wird immer kostbarer“, erklärt „Unti-Mutter“ Brigitte Küttel, „durch die Perlen, die jedes Kind bringt – durch jedes von uns.“ Andachtsvoll bewundern die Kinder die Muster, die Kerze – in der dichten Atmosphäre ist es möglich, auch mit Gott zu sprechen. Die Kinder stehen auf, jedes kann ein Gebet formulieren, muss aber nicht. Frei, aus dem Herzen. „Lieber Gott, mach, dass Papi wieder bei uns wohnt“, kommt da schon öfter aus den Kinderherzen. Oder: „Mach meine Grossmutter in Albanien wieder gesund.“
„Die Lektion ‚Reden mit Gott‘ macht mich ehrfürchtig, oft auch traurig“, gesteht Brigitte Küttel, „Unti-Mutter“ und Pfarreiverantwortliche für den Heimgruppenunterricht (HGU) in Adliswil. „Da kommen die Nöte der Kinder zum Ausdruck – aber gleichzeitig eine so unmittelbare Gottesbeziehung, dass es mich jedes Mal fast ‚umhaut‘.“
GLAUBEN NEU ENTDECKEN
Im Heimgruppenunterricht erhalten Erstklass- und manchmal auch Zweitklass-Kinder bei ausgebildeten „Unti-Müttern“ oder „-Vätern“ zu Hause in kleinen Gruppen den kirchlichen Religionsunterricht. „Die Kinder sollen in einer heimeligen Atmosphäre in die Religion eingeführt werden“, erklärt Brigitte Küttel. „Die kleinen Gruppen bieten den grossen Vorteil, dass wir Zeit haben für die Kinder und auf sie eingehen können.“ Freiwillige Mütter und Väter aus der Pfarrei bereiten sich an zwei ganzen Tagen und vier Abenden für diese Aufgabe vor, die sie für ein oder mehrere Jahre übernehmen. Theologische Weiterbildungsabende im Laufe des Kirchenjahres gehören ebenso zum HGU-Konzept wie die regelmässigen Teamsitzungen mit allen Unterrichtenden, die von der jeweiligen Pfarreiverantwortlichen geleitet werden. „Die Lektionen bereiten wir gemeinsam vor. Die ‚Unti-Mütter‘ und ‚-Väter‘ brauchen daher keine ausgebildeten Katechetinnen oder Katecheten zu sein, sondern müssen Freude am Umgang mit den Kindern und am Vermitteln des Glaubens haben“, erklärt Brigitte Küttel, die seit sieben Jahren mit grosser Freude die Erstklässler und deren „Unti-Mütter“ oder „-Väter“ begleitet. „Wobei die Unterrichtenden durchaus und oft zusammen mit den Kindern den Glauben neu entdecken!“, weiss die erfahrene HGU-Frau.
„Reden mit Gott“ ist nicht gleich zu Beginn des Heimgruppenunterrichts ein Thema. Langsam werden die Kinder zum Glauben herangeführt. Vor Weihnachten geht es ums „Warte chönne“ und Jesus kennen lernen, nach Weihnachten um christliche Lebensvollzüge wie „Danke säge“, „Träge hälfe“, „Friede mache“. Mit Rätseln, Geschichten und Bildern und vielen eigenen Erlebnissen, die in der kleinen Gruppe erzählt werden können, wird das Thema vertieft. Auf Ostern hin entdecken die Kinder über „Unsichtbars Läbe entdecke“, „Liecht isch schön“ die „Osterfreude“ – „wunderschöne Lektionen, in denen wir mit den Kindern dem Geheimnis des Lebens, von Licht und Dunkel nachspüren“, ist Brigitte Küttel begeistert. So wächst die Gemeinschaft, das Vertrauen in der Gruppe, eine Ahnung von Gottes grosser Liebe – und Stunden wie „Reden mit Gott“, mit Gebeten aus tiefster Kinderseele, werden möglich.
BEATRIX LEDERGERBER