Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 6, 2007 Fürbitte auf dem Prüfstand
Beten und Gesundheit

Fürbitte auf dem Prüfstand

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In den USA ist Religion allgegenwärtig: in der Politik, in den Schulen, in den Medien. Auch Wissenschafter lässt das Thema nicht kalt. Medizinische Studien sollen erforschen, ob Beten für Kranke messbaren Erfolg bringt.

 Vor drei Jahren wurde der argentinische Ex-Fussballstar Diego Maradona aufgrund einer Herzkrankheit ins Spital eingeliefert. Als sich sein Zustand dramatisch verschlechterte, griffen seine Vertrauten zu einem aussergewöhnlichen Mittel: Per E-Mail baten sie 20 000 Maradona-Fans, für ihr Idol zu beten. Und siehe da, Maradona wurde tatsächlich wieder gesund und liess verlauten, Gott habe seine Anhänger erhört.
Für Kranke zu beten, das ist für religiöse Menschen nahe liegend, für Atheisten purer Aberglaube. Amerikanische Forscher wollten es genau wissen und machten sich daran, den Zusammenhang zwischen Gebet und Genesung wissenschaftlich zu untersuchen. Die bisher umfangreichste Studie namens STEP (zu deutsch „Studie der therapeutischen Effekte von Fürbittgebet“) wurde im April 2006 im „American Heart Journal“ veröffentlicht. Durchgeführt hat sie Professor Herbert Benson, Kardiologe an der Harvard-Universität in Boston und Pionier in der Erforschung der heilsamen Wirkung von Entspannungsübungen bei Stress. Seine Frage lautete: Welchen Nutzen haben Gebete fremder Personen für die Genesung von Patienten nach einer Bypass-Operation? 1802 Patienten aus sechs US-amerikanischen Kliniken wurden per Los in drei Gruppen eingeteilt: Den ersten beiden Gruppen wurde gesagt, dass für sie vielleicht gebetet würde, vielleicht aber auch nicht. Sie waren sich der Fürbitte also nicht sicher. Tatsächlich wurde für die erste Gruppe gebetet, nicht aber für die zweite. Auch für die dritte Gruppe wurde gebetet, und diese Patienten wussten das im Vornherein. Gesprochen wurden die Gebete von Katholiken und Protestanten, die nur den Vornamen und den Anfangsbuchstaben des Nachnamens der Patienten kannten. Sie beteten von einem Tag vor bis 14 Tage nach der Operation, wobei das Gebet nebst frei gewählten Sätzen immer folgende Bittformulierung enthalten musste: „Für eine erfolgreiche Operation mit einer schnellen Genesung ohne Komplikationen.“ 30 Tage nach dem Eingriff wurde Bilanz gezogen und das ernüchternde Ergebnis lautete: Die Fürbittgebete haben den Patienten der STEP-Studie nicht geholfen. Ja schlimmer noch: Ausgerechnet denjenigen Patienten, die wussten, dass für sie gebetet würde, ging es am schlechtesten, und zwar in statistisch signifikanten 14 Prozent.

BETEN HILFT DOCH
Nicht mehr Glück war Professor Mitchell Krucoff von der Duke-Universität in Durham, North Carolina, mit seiner „MANTRA II“-Stu-die beschieden. Sie untersuchte die Wirksamkeit des Gebets für Patienten, bei denen ein schwerer Herzkathetereingriff vorgenommen wurde. Nach einem Beobachtungszeitraum von fünf Jahren musste auch Mitchells Studienbericht in der renommierten Fachzeitschrift „The Lancet“ einräumen: Fürbittgebete bewirken keine schnellere oder nachhaltigere Heilung.
Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Es gibt nämlich sehr wohl auch Studien, die zu belegen scheinen, dass Glaube der Gesundheit förderlich ist, jedenfalls dann, wenn er von einem positiven Gottesbild geprägt ist. So sollen Gebete das Immunsystem stärken, Depressionen vorbeugen und regelmässige Gottesdienstbesuche die Lebenserwartung um bis zu sieben Jahre verlängern. Also was nun? Hilft beten, oder hilft es nicht?
Keine Studie der Welt wird diese Frage je beantworten können, und zwar einfach deshalb, weil es sich nicht um eine sinnvolle Fragestellung handelt. Religiöser Glaube und alles, was damit zusammenhängt, kann per Definition nicht gemessen werden, sonst wäre es eben kein Glaube. Die Naturwissenschaft hat es mit dem Bereich des Zählbaren, Messbaren, Berechenbaren zu tun. Zur Frage, ob es Wirklichkeiten gibt, die ausserhalb dieses Bereiches liegen, kann sie nichts sagen. Die Naturwissenschaft sucht nach reproduzierbaren Gesetzmässigkeiten, nach strikten Wenn-dann-Zusammenhängen. Das gleiche Gebet müsste also immer die gleiche Wirkung zeigen, um gemessen werden zu können. Ein absurder Gedanke und dazu noch einer, der paradoxerweise die Existenz Gottes widerlegen würde. Denn was wäre das für ein Gott, der wie ein Automat irgendwelchen Gebetsformeln gehorchen muss? Die Vorstellung, vorgegebene Gebete könnten auf Distanz so zuverlässig wirken wie ein Antibiotikum, hat viel mit magischem Denken und nichts mit Religion zu tun.

NICHT ALLES BEDACHT
Kommt hinzu, dass in diesen Studien allein der körperliche Zustand ausschlaggebend ist für die Wirksamkeit des Betens. Doch es gibt auch andere Wirkungen. Zum Beispiel die, dass jemand weniger mit seinem Schicksal hadert, weniger Angst hat oder generell optimistischer ist. Kurzum: Beim Gebet haben wir es mit so vielen und so unterschiedlichen Faktoren zu tun, dass kein noch so ausgeklügeltes Experiment alle berücksichtigen könnte.
Die Psychotherapeutin und Theologin Monika Renz forschte ebenfalls im Bereich Gesundheit und Religion. Sie fragte nach der Bedeutung von spirituellen Erfahrungen in Krankheit, Leid und Sterben und betont, dass es dabei um etwas Gnadenhaftes gehe, um etwas, das vom Menschen nicht herbeigeführt werden könne. Für die Patientinnen und Patienten sei nach einer solchen Erfahrung nur eines wichtig: dass spirituelle Erfahrungen „weder narzisstisch umgedeutet noch wegrationalisiert, sondern in ihrer Unfassbarkeit ernst genommen“ werden.
Glaube und Gebet lassen sich nicht instrumentalisieren und schon gar nicht verordnen wie Medikamente. Und Gott lässt sich weder vereinnahmen noch auf die Probe stellen. Eigentlich eine Binsenwahrheit. Um darauf zu kommen, hätte es keinen einzigen Dollar Forschungsgeld gebraucht.

JUDITH HARDEGGER

Artikelaktionen

Monika Renz: „Grenzerfahrung Gott.
Spirituelle Erfahrungen in Leid und Krankheit“.

Herder 2004. 271 Seiten. Fr. 26.80. ISBN 3451053411.