Ein besonderes Gebet
Das Vaterunser beten wir bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Aber gibt es eigentlich eine unpassende Gelegenheit für dieses Gebet? Das Vaterunser beten wir auch, wenn und weil uns nichts Besseres in den Sinn kommt. Aber gibt es eigentlich etwas Besseres als dieses Gebet? Dadurch dass wir das Vaterunser als eines der wenigen Gebete auswendig können, verliert es nichts an seiner Tragweite.
Das Besondere an diesem Gebet liegt darin, dass es das Gebet Jesu ist und dass er seine Jüngerinnen und Jünger lehrte, dieses Gebet zu ihrem zu machen. In diesem Gebet sind das grosse Anliegen und die befreiende Praxis Jesu auf einmalige und authentische Weise zusammengefasst.
DAS VATERUNSER – MITTE UNSERES GLAUBENS
Wenn wir ab und zu der verschiedenen komplizierten Diskussionen um Dogmen und Kirchenrecht, um erlaubt und verboten, um Kirche und ihre Dienstgrade überdrüssig sind, betreten wir mit dem Vaterunser eine Welt von unerhörter Schlichtheit: einfache Bilder wie das des Vaters, einfache Sätze wie „dein Reich komme“, einfache Bitten wie „vergib uns unsere Schuld“, Reden aus dem Alltag: „unser tägliches Brot gib uns heute“. Das Gebet des Herrn, wie man es auch nennt, bringt auf wunderbare Weise Gott und die Welt zusammen. In dieser Welt lässt sich glauben und hoffen; in dieser Welt lässt sich lieben und leben.
Im Vaterunser sind wir Jesus besonders nahe, weil wir sein Gebet beten und weil wir dieses Gebet mit ihm beten. Nirgends sind Menschen so intim miteinander als wenn sie miteinander beten. Wir teilen seine Ansichten und seine Absichten, seine Enttäuschungen und seine Hoffnungen. Wir teilen auch seine Praxis. Mit ihm machen wir uns auf den Weg. Wie er wollen wir einander begegnen, einander ermuntern, einander verzeihen, einander aufhelfen. Mit ihm wollen wir allem Unrechten die Stirn bieten. Mit ihm lernen wir für einander leben, für einander sterben und miteinander auferstehen.
DAS VATERUNSER – EIN POLITISCHES GEBET
Obwohl uns das nicht bewusst und vielleicht nicht einmal recht ist: Das Vaterunser ist zutiefst ein politisches Gebet. Die Bilder und Begriffe, denen wir in diesem Gebet begegnen, hatten zur Zeit Jesu und auch noch in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten eine eminent politische Bedeutung: Vater war ein Titel der römischen Kaiser. Namen hatten nur diejenigen, die eben auch Rang hatten. Das Reich ruft sogleich das Römische Imperium in Erinnerung. An Brot ist nicht zu denken ohne den nie enden wollenden Kampf der Mächtigen um die Ressourcen. Die Schulden wurden damals wie heute gnadenlos eingetrieben. Der Schluss des Vaterunsers ist das Bekenntnis: das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit kommen Gott allein zu – und den Menschen, die ihm vertrauen.
Wie kein anderes Gebet macht uns das Vaterunser auf unseren ganz konkreten Alltag aufmerksam. Es gibt schlicht gar nichts in unserem privaten und gesellschaftlichen Leben, das wir im Vaterunser, nicht zur Sprache bringen könnten. Jeder unserer Seufzer, jede unserer Klagen, jede unserer Freuden, jeder unserer Hoffnungsschimmer erhält hier den je eigenen Stellenwert und die je eigene Würde. Das Vaterunser lädt uns ein, in unserer Endlichkeit mit dem Unendlichen eins zu werden.
HERMANN-JOSEF VENETZ
Hermann-Josef Venetz ist emeritierter Professor für Neues Testament an der Universität Fribourg.
Buchtipp
Hermann-Josef Venetz: „Es ist an der Zeit.
Biblische Zwischenrufe“. Paulusverlag 2006. 176 Seiten. Fr. 25.00.
ISBN 3-7228-0685-2.