Beten ist ganz einfach
Als ich acht oder neun Jahre alt war, da war das mit dem Beten ganz einfach für mich: „Lieber Gott, mach, dass wir in diesem Schuljahr die nette Lehrerin bekommen!“ Oder: „Lieber Gott, der Opa soll wieder gesund werden!“ Und das sagte ich ganz inbrünstig und glaubte daran und danach ging es mir gleich besser.
Dann, einige Jahre später, fand ich das gar nicht mehr so einfach mit dem Beten. Zuerst ist mir wohl der „liebe“ Gott abhanden gekommen – kann Gott wirklich „lieb“ sein, wenn er so viel Leid, so viel Katastrophen, Krieg und Tod zulässt? Und die Fragen nach dem „Warum“ wurden auch nicht beantwortet. Da gab es zu viele Gebete, die nicht erhört wurden – hört Gott überhaupt zu, wenn wir ihn bitten? Und was nützt dann Beten überhaupt, ist es nicht eher eine sanfte Droge für schlichte Gemüter, die damit ein wenig beruhigt werden sollen? Ist das nicht alles nur Einbildung und Fiktion?
Heute, inzwischen 51 Jahre alt, ist Beten eigentlich für mich wieder ziemlich einfach geworden: „Gott, ich weiss nicht mehr weiter, hilf mir!“ Oder: „Lass Susanne nicht mehr allzu viel leiden!“ Und das sage ich ganz inbrünstig und ich glaube daran und danach geht es mir meist ein wenig besser. Ich
habe neu zurückgefunden zu dem Vertrauen meiner Kindheit – und ehrlich gesagt, so schlecht finde ich das gar nicht. Denn es ist nicht das alte, unschuldige Vertrauen von damals, als ich acht Jahre alt war. Es ist ein Vertrauen, das Leid und Tränen kennt, das den Tod erlebt hat, die Angst, die Verzweiflung, die Einsamkeit – und das trotzdem so betet, oder anders gesagt: so wieder beten kann.
Gott ist der ganz andere. Ja, ich sage nicht mehr „lieber Gott“. Denn Gott ist nicht lieb. Ganz im Gegenteil: Gott ist immer radikal und existenziell und unbegreiflich. Und er muss es sein. Ein Gott, den ich begreifen könnte, würde ja in mein Denken hineinpassen, das heisst, er wäre kleiner als ich. Was aber wäre das für ein Gott, der kleiner ist als ich? An so einen Gott mag ich nicht glauben. Wenn Gott aber grösser ist als ich, dann wird er mir immer wieder auch unbegreiflich bleiben. Dann, wenn ich meine, Gott verstanden zu haben, könnte es sein, dass es eben gerade nicht Gott war.
KEINE WUNSCH-ERFÜLLUNGS-MASCHINE
Das bringt einen zweiten Gedanken mit sich: Gott ist keine „Wunsch-Erfüllungs-Maschine“ nach dem Motto „Gebet gesagt – Wunsch erfüllt“. Das ist auch nicht der Sinn des Gebets: dass meine Wünsche erfüllt werden. Das würde Gott verzwecken, ihn funktionalisieren, ihn zu einem magischen Wesen degradieren. Gott hat durchaus die Freiheit, mein Gebet nicht zu erhören.
Manche Gebete stehen sich selbst im Weg, weil sie nicht nur meine Not vor Gott bringen, sondern ihm zugleich vorschlagen, was er dagegen tun soll. Und um passende Ideen sind wir selten verlegen. Ich habe mich schon einige Male bei Gott entschuldigt, weil ich sauer war, dass ich nicht das bekommen habe, was ich wollte. Und ich habe erst im Nachhinein gemerkt, dass das, was er mir gegeben hat, eigentlich viel sinnvoller und besser war als das, worum ich ihn gebeten hatte. Dies hat bei mir zu einem neuen Grundvertrauen geführt: Ja, ich glaube daran, dass Gott mir gut will – auch wenn ich es nicht begreife – und ihn noch weniger begreife. Aber vieles in meinem Leben, was ich im Erleben schlimm fand, nicht verstanden habe, hat sich im Nachhinein als sinn-voll, als wichtig erwiesen. Gut, es bleiben einige Fragen nach dem Warum – und die stelle ich Gott auch. Aber das ist zugleich der nächste Punkt.
Ich kann und darf diese Fragen stellen. Aber indem ich sie Gott stelle, akzeptiere ich zugleich, dass es ihn in meinem Leben gibt, auch wenn ich ihn nicht verstehe. Und da befinde ich mich in guter Nachfolge: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – Das ist der Schrei Jesu am Kreuz. Beim genaueren Hinsehen ist die Frage eigentlich paradox: Entweder hat Gott ihn verlassen, dann braucht er gar nicht mehr zu fragen. Oder er hat ihn nicht verlassen, dann stimmt aber die Frage Jesu nicht. Jemanden zu fragen, warum er einen verlassen hat, macht nur dann Sinn, wenn der andere eigentlich noch da ist. Jede Frage an Gott ist eigentlich zugleich ein Glaubenszeugnis – zugegeben, in aller Ohnmacht, in aller Verzweiflung, in aller Hilflosigkeit. Aber noch glaube ich daran, dass es einen Gott gibt, dem ich diese Fragen entgegenschreien kann.
Im Gebet stelle ich mich meiner selbst und meiner Situation. Ich nenne meine Not beim Namen, ich gebe ihr einen Ausdruck, ich nehme mich selbst als „erlösungsbedürftig“ wahr. Ich gebe zu, dass ich Hilfe brauche, dass ich alleine an meine Grenzen komme, dass ich mit meinem Latein am Ende bin. Im Gebet kann ich meine Bürde einem mit-teilen, der mir gut will. Und das ent-lastet im wahrsten Sinne des Wortes. Gott geht mit, Gott trägt mit. Wenn vielleicht auch auf eine Weise, die ich nicht erkenne, nicht verstehe.
Ein solches Wissen kann mich wiederum verändern. Ich fühle mich getragen und gehalten – und damit wird vielleicht auch wieder anderes für mich möglich. Ich kann anders hinstehen, in mir kann anderes wachsen und werden. Ich lebe aus einer Zuversicht. Und das ist kein positives Denken, wie es Dale Carnegie und Co. verkünden, sondern das ist eine Zuversicht, die durch alle Dunkelheiten hindurchgegangen ist, das ist ein Vertrauen, das keine Beweise hat – aber sie auch nicht braucht.
Und das mag mich neu handlungsfähig machen. Eine solche Zuversicht, eine solche Ent-Lastung kann mich ent-grenzen, kann mir neue Perspektiven geben, Hoffnung schenken. Ich traue mich wieder, etwas zu tun. Es holt mich aus meiner passiven Rolle heraus – und lässt mich neu handeln. Darum geht es beim Beten: Nicht Gott soll meine Wünsche erfüllen, sondern ich soll wieder handeln können. Wenn wir Beten so ver-stehen, dann können unsere Worte ganz einfach sein, voll Vertrauen, voll Liebe,
im Wissen darum, dass Gott Gott ist und bleibt – und all das, was wir in Sprache bringen, menschlich ist. Dann ist Beten eigentlich ganz einfach.
ANDREA SCHWARZ
Andrea Schwarz ist in der Pfarrseelsorge tätig sowie freiberuflich als Schriftstellerin und Supervisorin.