Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Aus der Tiefe rufe ich

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Wenn ich Orte aufzählen müsste, an denen ich schon als Kind gebetet habe, dürfte die Schwand-Kapelle oberhalb von Engelberg nicht fehlen. Ich befand mich in einer Schwierigkeit, die ich nicht näher beschreiben mag, die mich aber, soviel sei verraten, quälte und mir Angst machte. So etwas ist auch Jahrzehnte später nicht belanglos. Ich mag darum die grosse Not eines Zwölfjährigen heute nicht klein reden, sonst würde ich den nicht ernst nehmen, der ich damals war, und der noch heute ein guter Teil von mir ist. Ich kniete also in der Kapelle und betete. Meine ganze Hoffnung stemmte ich im Gebet gegen die Angst. Wie lange ich gebetet habe, weiss ich nicht, aber ich erinnere mich, dass die Not danach nicht kleiner war und dass ich mich zum ersten Mal gefragt habe, warum ich überhaupt bete, wenn Gott meine verzweifelten Fragen doch nicht beantwortet, meine berechtigten Wünsche nicht erfüllt und meine drängenden Bitten offensichtlich gar nicht erst hört. Ich habe erfahren, dass Gott einem das Beten schwer machen kann.
An diesem Tag hatte ich keine Augen für die Bilder an der Decke der Kapelle, die für mich sonst wie ein Bilderbuch war, in dem ich die einzelnen biblischen Szenen zu identifizieren wusste. 1951, wenige Jahre zuvor, war die alte Kapelle aus dem 17. Jahrhundert renoviert und durch einen Anbau erheblich erweitert worden. Pater Karl Stadler vom Benediktinerkloster Engelberg hatte an die neue Kassettendecke einen Bilderzyklus mit biblischen Engelsbegegnungen gemalt, so auch Jesu Gebet in Getsemani am Abend vor seinem Tod.
Im Neuen Testament lesen wir, Jesus habe nach dem letzten Abendmahl die Stadt verlassen und sei mit seinen Freunden zum Grundstück Getsemani am Ölberg gegangen. Der Evangelist Markus erzählt, Jesus habe drei seiner Jünger mit sich in den Garten genommen. Von Furcht und Angst gepackt habe er sie gebeten, mit ihm zu wachen. „Und er ging ein Stück weiter, warf sich auf die Erde nieder und betete, dass die Stunde, wenn möglich, an ihm vorübergehe. Er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht was ich will, sondern was du willst, soll geschehen. Und er ging zurück und fand sie schlafend“ (Markus 14,35-37). Der Schlaf der Freunde macht quälend deutlich, wie allein er in seiner Todesangst ist. Einsam betet er weiter, hin- und hergerissen zwischen Widerstand und Ergebung. Kein Trost erhellt die schwarze Stunde.
Zahlreiche Künstler haben diesen Gebetskampf Jesu dargestellt. Die meisten Bilder zeigen den betenden Jesus erhöht auf einem Felsen, die schlafenden Jünger am unteren Bildrand. Stadler gibt der Szene eine bedrückende Dramatik, indem er diese klassische Anordnung umkehrt. Die kauernden Schläfer sind nach oben in die Ferne gerückt. Unten, nahe beim Betrachtenden, ist Jesus in seiner Verlassenheit und Verzweiflung. Da liegt er am Boden mit dem Gesicht zur Erde, in seinem dunkelroten Gewand wie eine Lache ausgegossenen Weins, dem Schweigen Gottes ausgeliefert.
Der Engelberger Mönch hat aber einen Engel dazu gemalt, von dem Markus nichts weiss. Ihn hat er bei Lukas gefunden: „Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und gab ihm Kraft“ (Lukas 22,43). Dieser Engel ist eine ambivalente Gestalt. Einerseits bringt er den Kelch des Leidens, dem nicht auszuweichen ist, andererseits schenkt er Kraft, durchzuhalten und den bitteren Kelch zu trinken. Es ist, als ob Gott in finsterster Nacht den winzigen Funken Zuversicht, der auch noch im Verzweifelten glimmt, in eine helle Lichtgestalt verwandelt hätte. So repräsentiert der Engel die Dimension der Hoffnung, die sich trotz allem in unerwarteter Weise erfüllen wird.
In mancher menschlichen Not bleibt der Himmel leider verschlossen. Kein Engel des Trostes erscheint. Da mag Kraft wachsen aus der Solidarität dessen, der einer von uns wurde für gute und schlechte Tage, auch wenn wir ganz unten sind.

WALTER ACHERMANN

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FOTO: WALTER ACHERMANN