„Wie geschrieben steht“
Mit Paulus hatte ich schon immer Mühe. Nicht etwa wegen seiner tatsächlichen oder vermeintlichen Frauenfeindlichkeit. Die könnte ich ihm angesichts der Zeit, in der er lebte, noch nachsehen. Nein, Schwierigkeiten bereitet mir die Art und Weise, wie Paulus mit der heiligen Schrift der Juden, also dem Ersten Testament umgeht. Er liest es durch die „christliche Brille“ und vereinnahmt es schamlos für seinen Missionseifer. Dabei sieht er nicht nur die expliziten ersttestamentlichen Weissagungen als in Christus erfüllt an, sondern er wittert auch an Stellen, wo keine ausdrücklichen Verheissungen vorliegen, Hinweise auf Christus. Der vorliegende Abschnitt aus dem ersten Korintherbrief ist ein gutes Beispiel dafür, wie Paulus das ganze Erste Testament auf Jesus Christus und die christliche Kirche hin liest. So deutet er den Zug des Volkes Israel durch das Schilfmeer als Hinweis auf die christliche Taufe und sieht im Mannasegen in der Wüste die Eucharistie angedeutet.
Im selben Brief verteidigt Paulus ein Kapitel zuvor das Recht der Apostel auf Unterhalt durch die christlichen Gemeinden und untermauert dies wiederum mit Schriftzitaten: „In der Tora des Mose steht nämlich: Du sollst dem dreschenden Rind keinen Maulkorb vorbinden. Geht es dabei um die Rinder? Oder redet er nicht in jedem Fall unseretwegen? Unseretwegen steht geschrieben: Wer pflügt, muss dies mit Hoffnung tun können, und wer drischt, mit der Erwartung, einen Anteil zu bekommen.“ Paulus reisst Sätze willkürlich aus dem Zusammenhang und deutet sie so um, dass sie seine Ideen stützen. Dabei geht es in der zitierten Passage des Buches Deuteronomium über den dreschenden Ochsen eindeutig um Tierschutz und nichts anderes. Und das vermeintliche zweite Zitat, sucht man im Ersten Testament vergebens. Das ist ein weiterer paulininscher Trick, dass er Dinge einfach hinzufügt. Das tut er auch im 15. Kapitel dieses Briefes, wo es heisst: „So steht es auch in der Schrift: Der erste Mensch Adam wurde zu einem lebendigen Wesen, der letzte Adam zu einem lebendig machenden Geist.“ Der erste Teil des Zitats stammt aus Genesis 2,7, und es braucht schon ziemliche gute Bibelkenntnisse, um zu merken, dass der zweite Teil von Paulus hinzugefügt wurde.
Was man zur Verteidigung des Apostels allerdings anfügen muss, ist die Tatsache, dass er nicht der einzige frühchristliche Autor ist, der mit der Schrift so verfährt. Viele lesen das Erste Testament gegen dessen ursprünglichen Sinn. Matthäus beispielsweise bezieht im zweiten Kapitel seines Evangeliums eine Jeremja-Stelle, bei der es um die Wegführung von Judäern ins babylonische Exil geht, sinnwidrig auf den Kindermord in Bethlehem, den König Herodes angeordnet haben soll: „Ein Geschrei ist in Rama zu hören, Weinen und grosses Klagen. Rahel weint um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen, denn sie sind nicht mehr.“
Ich meine, eine gewisse Vorsicht und Zurückhaltung im Umgang mit der Bibel ist durchaus angebracht, wenn es darum geht, Jesus Christus in der Heiligen Schrift des jüdischen Volkes zu finden. Es gibt nun mal kein Zurück hinter die so genannte historisch-kritische Bibelauslegung. Wer einmal „vom Baum der historischen Erkenntnis gegessen hat“, wie es Gerd Lüdemann ausdrückt, der wird wohl oder übel von einer christologischen Interpretation des Ersten Testaments Abstand nehmen.
JUDITH HARDEGGER