Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 6, 2007 „Nichts Menschliches ist dir fremd“
Mit Psalmen leben

„Nichts Menschliches ist dir fremd“

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Die Themenpalette der Psalmen reicht von der Anklage bis zum Lobgesang – vom erhabenen Glücksgefühl bis zur tiefsten Ohnmacht. 150 Gebete, die von Lebenserfahrung gesättigt sind.

Warum auch immer – der Satz der Vikars, der uns in der Unterstufe Religionsunterricht erteilte, ist mir geblieben: „Beten heisst mit Gott reden. Dem lieben Gott dürft ihr alles sagen.“ Konkret konnte ich mir darunter nicht viel vorstellen, wohl auch deshalb nicht, weit ich mir unter „Reden mit Gott“ nichts anderes vorstellen konnte als ein „normales Gespräch“, wie man es mit einer Tante führt, die nachfragt, was man in der Schule oder in der Freizeit so erlebe.
Im Verlauf meines Lebens ist mir deutlicher geworden, dass der Satz des Vikars einen viel weiteren Sinn hat. Einerseits, weil mir bewusst geworden ist, dass die Sprache eine viel grössere Palette an Ausdrucksmöglichkeiten kennt als das freundliche Gespräch. Und anderseits, weil ich wie jeder Mensch erfuhr, wie vielfältig, wie beglückend, aber auch wie abgründig das Leben ist. Eine grosse Hilfe, die bereichernde, aber manchmal auch verwirrende und verstörende Erfahrung der Vielfalt und Unübersichtlichkeit des Lebens mit Gott und mit dem Gebet in Verbindung zu bringen, sind mir die Psalmen. Sie sind das Gebetbuch der Bibel und umfassen 150 Gebete oder Lieder ganz unterschiedlicher Art. Die Psalmen sind im Verlaufe einer jahrhundertelangen Geschichte im Volk Israel entstanden, teils als individuelle Gebete, teils als Kultlieder. Manche sind theologische Kunstwerke voller Reflexion, andere sind primär Ausdruck existenzieller Lebenserfahrung. Die einen sind klar erkennbar im Tempel entstanden, andere im stillen Kämmerlein oder in der Begegnung mit der überwältigenden Natur. Vielleicht hätte ich schon als Primarschüler den Satz „Beten heisst mit Gott reden“ besser verstanden, hätte der Religionslehrer anhand der Psalmen anschaulich gemacht, was „reden“ alles bedeuten kann: murmeln, singen, toben, danken, bitten, fluchen, klagen, rufen, schreien, stammeln, verstummen, um Worte ringen, frohlocken …

NICHT NUR MIT WORTEN
Die Psalmen gehen sogar noch darüber hinaus, denn sie machen deutlich, dass man mit Gott nicht nur durch die Sprache in Kontakt kommen kann, sondern auch indem man die Hände erhebt, vor ihm niederfällt, steht oder geht, aber auch tanzt oder flieht. Und natürlich erinnern sie daran, dass zum Gespräch nicht nur das Reden, sondern auch das Hören gehört. Die Beterinnen und Beter der Psalmen haben manchmal den Eindruck, Gottes Wort sei „süsser als Honig“, es sättige die Seele, es stille die Sehnsucht oder erfülle mit Dankbarkeit. Aber auch gegenteilige Erfahrungen kommen zur Sprache: Schmachten nach Gott „wie dürres lechzendes Land ohne Wasser“, angstvolles und antwortloses Ausharren in schlaflosen Nächten, ja das Gefühl totaler Verlassenheit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Oft sind die unterschiedlichsten Erfahrungen nahe beieinander, entsteht beim Lesen oder Beten der Psalmen ein „Wechselbad“ der Gefühle und der Glaubenserfahrungen. So endet der 22. Psalm, der mit der Erfahrung der Gottesverlassenheit beginnt, mit einem grossen Lob Gottes, der das Elend des Armen nicht verabscheut, sein Gesicht nicht vor ihm verbirgt und auf sein Schreien hört.

IN ALLEN LEBENSLAGEN
Aber nicht nur die Vielfalt der Arten, mit Gott zu reden und auf sein Wort zu hören, macht die Psalmen zu einem Buch des Gebetes und des Lebens. Es ist auch die Fülle der Lebenserfahrungen, die angesprochen werden. Dazu gehören alle Grunderfahrungen des Einzelnen vom seligen Glück bis zur Bitte, sterben zu können, vom Leben in Wohlstand und Geborgenheit bis zu Krankheit, Hunger, Depression und tiefster Einsamkeit. Auch Gemeinschaftserfahrungen spielen eine wichtige Rolle, angefangen bei der Liebe der Mutter zu ihrem Kind über die Freundschaft bis zur Geschichte des Volkes mit Krieg und Befreiung, Exil und Heimkehr, Aufstieg und Verlust jeder Hoffnung auf Zukunft. Und diese Erfahrungen kommen längst nicht immer „wohltemperiert“ zur Sprache, sondern erfüllt mit allem, was sie bei den Menschen auslösen, von den guten und edlen Stimmungen des Gottvertrauens, der Gelassenheit und der Ehrfurcht bis hin zu Gefühlen abgrundtiefen Hasses, der Wut und des Wunsches nach Rache. Die Begegnung mit der Welt der Psalmen ermutigt und bestärkt nicht nur den Glauben, dass dem Gott der Bibel tatsächlich „nichts Menschliches fremd“ ist und dass ich ihm wirklich „alles“ anvertrauen und zumuten darf. Sie hilft auch, die Einzelerfahrung einzuordnen in die Vielfalt eigener und fremder Erfahrungen: in den Momenten des Glücks und der Zufriedenheit die Not und die Ungerechtigkeit nicht zu vergessen, mit denen andere sich herumschlagen oder, wie es Psalm 23 ausdrückt, in Zeiten der „Wanderung im finstern Tal“ nicht zu vergessen, dass es Zeiten gab und wieder geben wird, in denen ich Gott als jenen erfahre, der mich „zum Ruheplatz am Wasser führt“ und „mein Verlangen stillt“.

DANIEL KOSCH

Daniel Kosch ist Generalsekretär der Römisch-katholischen Zentralkonferenz (RKZ). Zuvor leitete er neun Jahre lang die Bibelpastorale Arbeitsstelle des
Schweizerischen Katholischen Bibelwerks in Zürich.

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„Die Menschen lügen. Alle.“ – Und andere Psalmen. Übertragen von Arnold Stadler. Insel Taschenbücher Nr. 3112. 139 Seiten. ISBN 978-3-458-34812-2.

C. S. Lewis: „Gespräch mit Gott“ – Gedanken zu den Psalmen. Benziger 1999. 151 Seiten.
ISBN978-3-545-20152-1.