Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 5, 2007 Teuflische Frömmigkeit
1. Fastensonntag – Lukas 4,1–13 (25. Februar)

Teuflische Frömmigkeit

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Beim Stichwort „Versuchung“ fällt mir zunächst der Werbeslogan ein, der eine Süssigkeit als „die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt“ anpreist. Diese Reklame zeigt, wie der Begriff „Versuchung“ häufig verwendet wird. Man bezeichnet damit Dinge, die zwar verlockend oder sogar verführerisch sind, von denen wir aber eigentlich wissen, dass sie schädlich oder gefährlich sind. Da steht dann der verlockende Genuss dem drohenden Übergewicht gegenüber. Oder der geplante Besuch des Sonntagsgottesdienstes gerät in Konflikt mit der Möglichkeit, noch eine Stunde länger im warmen Bett zu bleiben.
Die Versuchung Jesu, von der das Lukasevangelium erzählt, ist nach einem anderen Muster gestrickt. Schon die Einleitung macht deutlich: Hier ist nicht so eindeutig, ob es der „Geist Gottes“ ist, der Jesus führt, oder der „Teufel“. Da stehen Gut und Böse, Richtig und Falsch sich nicht klar unterscheidbar gegenüber. Zwar ist es der Geist, der seinen Weg bestimmt, aber auch widergöttliche oder lebensfeindliche Kräfte haben ihre Hand im Spiel. Hinzu kommt, dass sich diese Kräfte hinter guten Absichten verstecken und mit frommen Worten tarnen: Wäre es für Jesus, den Freund der Armen, nicht ideal, er könnte Steine in Brot verwandeln? Wäre es nicht richtig, ihm, dem Boten von Gottes Herrschaft, alle Macht anzuvertrauen? Ist es kein Ausdruck von radikalem Gottvertrauen, sich von der Zinne des Tempels zu stürzen, im Vertrauen, dass Gott ihn nicht fallen lässt? Und dann sind all diese Angebote noch in schöne Worte verpackt und mit Bibelzitaten garniert.
Das „Teuflische“ an der „Versuchung“ besteht also nicht einfach darin, das Angenehme, aber Schädliche dem Anspruchsvollen, aber Wertvollen vorzuziehen. Vielmehr besteht ihre Tücke darin, dass sich das Gefährliche oder Lebensfeindliche gar nicht ohne weiteres als solches zu erkennen gibt: Steine in Brot verwandeln kann man, um
den Armen zu helfen – aber auch mit dem Ziel, gross herauszukommen. Verantwortung kann man übernehmen, um dem Gemeinwohl zu dienen – oder um die eigene Machtgier zu tarnen. Die Bibel kann man zitieren, um damit Gottes Willen zur Sprache kommen zu lassen – oder um damit eigene Interessen zu tarnen. Und manchmal ist es gar nicht so einfach zu erkennen, was die wahren Motive und Absichten sind, ob es nun ausschliesslich der Geist ist, der uns leitet, oder ob wir schon in Versuchung sind, uns selbst oder anderen etwas vorzumachen.
Die Versuchungsgeschichte erinnert daran, dass die „zarteste Versuchung“ darin besteht, den Einsatz für das Gemeinwohl oder die Orientierung am Willen Gottes mit dem letztlich egoistischen Streben nach Macht und Einfluss zu vermischen oder gar zu verwechseln.
Dass nicht einmal Jesus vor dieser Versuchung gefeit war, muss alle nachdenklich stimmen, die behaupten, ihnen oder ihrer Kirche, ihrer Partei oder Firma könne so etwas nicht geschehen.

DANIEL KOSCH

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