Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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GLOSSE

SOS Narrenschiff

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Die UNO liebt es, Menschenrechte zu propagieren. Aber weil sie offenbar weder mit Sprache noch mit präzisem Denken etwas am Hut hat, verkündet sie das „Recht des Menschen auf Gesundheit“.
Ich will wohlwollend annehmen, damit habe sie eigentlich das Recht auf medizinische Versorgung gemeint. Dennoch steht da nun „Recht auf Gesundheit“, und so frage ich mich dann doch, wo ich im Krankheitsfall mein Recht einfordern kann. Wo ist der Weltgesundheitsgerichtshof für mein gebrochenes Bein? – Gibt es internationale Haftbefehle für Grippeviren? – Und schliesslich: Wie hoch muss mein Fieber steigen, bis sich der Sicherheitsrat damit beschäftigt?
Ob zuerst ein absurdes Rechtsverständnis war oder Sprachhudelei, weiss ich nicht. Aber einmal in die Welt gesetzt, hat das Recht auf Gesundheit den Einfallsreichtum der Menschen mächtig angeregt und nach langem Suchen wurde tatsächlich ein potentieller Rechtsbrecher gefunden. Der Halbgott in Weiss ist es, der über Gesundheit oder Krankheit entscheidet. Wenn es der Arzt nicht schafft, uns gesund zu erhalten, dann begeht er nach UN-Logik ein Verbrechen an der Menschheit. Aber nicht nur der Arzt steht unter dem Damokles-Skalpell, auch der einfache Bürger sieht sich genötigt, seine Gesundheit nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen, denn wer Rechte hat, der hat auch Pflichten. Und so wurde stillschweigend gleich auch noch der Zwang zur Gesundheit eingeführt.
So weit haben die UNOkraten zweifellos nicht gedacht. Deshalb erlaube ich mir die naive Anfrage, ob dem Gesundheitswesen nicht doch mehr gedient wäre, wenn wir unseren Mitmenschen das Recht auf Pflege, Unterstützung, Hilfe, Anteilnahme und Nächstenliebe gewähren würden.
Eintrag ins Logbuch: Im Krankheitsfall vertraue ich meine Menschenwürde doch lieber Gott und tatkräftigen Mitmenschen an als Menschenrechtlern, die mich gesundproklamieren wollen.

THOMAS BINOTT0

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Das „Narrenschiff“, 1494 von Sebastian Brant verfasst, ist eine spätmittelalterliche Satire, in der durch bewusste Übertreibung der Zeitgeist karikiert wird.