Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Brasilien

Moderne Sklaven

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In Brasilien leben noch viele Menschen wie Sklaven. Die Kampagne der kirchlichen Werke setzt sich für Arbeitsrechte ein und rückt ihre Situation ins Rampenlicht.

Claudir weiss nicht, wie ihm geschieht: Plötzlich stehen Polizisten vor ihm, schwarze Gestalten, Maschinenpistolen in der Hand. Er möchte nicht weinen, und nun tut er es doch. Dann sagt er, er sei vierzehn, vielleicht fünfzehn, und schweigt. Claudir ist einer von 20000 Sklaven, die im Lauf der vergangenen elf Jahre in Brasilien aus den Fängen ihres Herrn befreit wurden. Dort leben nach Schätzungen noch immer 40000 Menschen wie Sklaven, arbeiten auf den abgelegenen Fazendas im Norden, in den Köhlereien Amazoniens, schuften von morgens bis abends. Sie erhalten höchstens einen winzigen Lohn, der gerade dafür reicht, das Nötigste in einem Laden zu kaufen, der dem Sklavenhalter gehört.
Die heutigen Sklaven sind Wegwerfmenschen, jederzeit ersetzbar, wenn sie müde sind oder krank. Die moderne Sklaverei basiert auf der Armut. Armut, so Erwin Kräutler, Bischof österreichischer Herkunft in Altamira, Bundesstaat Pará, heisst „nichts dürfen, nichts können, nichts sein“. Wer arm ist, ist verführbar. Schlepper, Gatos, versprechen den Ärmsten Arbeit und locken sie in die Unwegsamkeit der Wälder und Steppen. Fordern die Arbeiter ihren Lohn, behauptet der Gato, sie schuldeten ihm Geld – für das Werkzeug, das sie benützten, die Stiefel, den Hut, die Anreise, das Essen unterwegs. Die moderne Sklaverei fusst auf vorgetäuschter Verschuldung. Die Betroffenen können weder lesen noch schreiben und deshalb die Lügen der Herren nicht hinterfragen oder widerlegen.

ARBEITEN BIS ZUR ERSCHÖPFUNG
Sie leben in Hütten oder im Freien, die Toilette ist ein Loch. Das Wasser trinken sie aus einem Tümpel oder Bach, zusammen mit dem Vieh, das sie umsorgen. Versucht ein Sklave zu fliehen, wird er mit Hunden wieder gefangen, geschlagen, manchmal umgebracht. So arbeiten sie, bis sie erschöpft sind. Nach drei, vier Monaten stellt der Besitzer sie an eine Strasse. Dann holt er sich neue, in den Elendsvierteln des Nordostens warten Hunderttausende.

ÜBERFORDERTER STAAT
Vor elf Jahren erst – und dies nur auf Druck der Comissão Pastoral da Terra, CPT, der Landpastoral – gestand die Regierung Brasiliens öffentlich, dass in ihrem Land noch Sklaverei herrscht. Das Arbeitsministerium rief sieben Inspektionsstäbe aus Arbeitsrechtlern, Bundespolizisten und einem Staatsanwalt ins Leben. Diese schwärmen auf der Suche nach Sklaven und ihren Haltern ins Land aus. Die Gruppen reagieren zumeist auf die Anzeigen entlaufener Sklaven. Aber der überforderte Staat verfolgt nur 38 Prozent davon. Wer seinen Sklavenhalter anzeigt, tut es nicht bei der Polizei; zu gross ist das Misstrauen der Rechtlosen. Sie melden sich bei der CPT. Dort verfasst man ein Protokoll und schickt es ans Arbeitsministerium in Brasilia. Wird ein Sklavenhalter überführt, rettet er sich dadurch, dass er seine Arbeiter entschädigt, mit Feriengeld und 13. Monatslohn. Dann ist in der Regel die Sache für ihn erledigt. Die Armen ziehen weiter, sie haben keine andere Wahl als anzunehmen, was angeboten wird. Und der Sklavenhalter bestellt sich neue Sklaven, nimmt in Kauf, dass er wieder erwischt wird. Das ist für ihn günstiger als das Bezahlen eines gerechten Lohns.
Aber was, weint Claudir, das Kind, als die Polizisten es befreien, aber was mache ich nun?

ERWIN KOCH, FREIER JOURNALIST

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In den Köhlereien Amazoniens schuften Sklaven von morgens bis abends zu einem winzigen Lohn und leben in ärmlichsten Verhältnissen. FOTO: CHRISTOPH WIDER
Menschenwürdige Arbeit

Die Kampagne 2007 von „Fastenopfer/Brot für alle/Partner sein“ steht unter dem Motto „Wir glauben. Arbeit muss menschenwürdig sein.“ Der Slogan betont das menschliche Gesicht der Arbeit. Lohnarbeit soll Mittel zum Leben und nicht Lebenszweck sein. Arbeits- und Ruhezeiten, genug zum Leben zu haben, sind biblische Grundwerte. Heute dienen als Massstab für gerechte Arbeit: gerechte Entlöhnung; Respektieren der Gesetzgebung eines Landes in Sachen Mindestlöhne, Arbeitszeiten, Ferienanspruch; keine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Religion oder Ethnie; das Verbot der Zwangsarbeit und die Organisationsfreiheit.
PS

Weitere Informationen zur Kampagne unter www.oekumenischekampagne.ch

Die Comissão Pastoral da Terra

Die Comissão Pastoral da Terra, kurz CPT, ist Partnerorganisation des Fastenopfers. Sie verfügt über sieben Regionalequipen. Auf dem Land sind die Bodenkonzentration, die dauernde Dürre und politische Manipulationen bei der Nutzung des Wassers ein grosses Problem. Wer über Land und Wasser verfügt, hat Macht und Einfluss. Die Arbeitslosigkeit wächst in der Stadt wie auf dem Land. Schwer betroffen sind vor allem die Jugendlichen. Als Folge nimmt der Exodus in die Städte ständig zu. Daneben lassen sich Arbeiter dazu verführen, auf dem Land als Sklaven zu arbeiten. CPT engagiert sich für mehr Land- und Menschenrechte.
Landesprogramm Brasilien des Fastenopfers Nr.212.125849.