„TUT DIES ZU MEINEM GEDÄCHTNIS!“
„Jesus ist schon so lange für uns gestorben, dass es schon gar nicht mehr wahr ist“, hat Hegel einmal gesagt. Und stimmt das denn nicht? Jeden Tag und jedes Jahr gleitet der Ursprung unseres Glaubens weiter von uns weg. Wir versuchen ihn im Gedächtnis zu behalten – mühsam. Aber die Welt um uns herum wandelt sich, tragende Traditionen bröckeln ab. Wenn wir ehrlich sind, jenseits aller Gewohnheit: Wie fremd ist uns doch die Welt, in der Jesus gelebt hat, wie weit ist sie weg von allem, was wir tagtäglich leben und erleben! „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ – also ein mühsames Angehen gegen den nagenden Zahn der Zeit, bei dem wir am Ende nur verlieren können? Nein, denn wenn Juden und Christen „Gedächtnis“ sagen, dann vollzieht sich ein grundsätzlicher Perspektivenwechsel: Der treue Gott Israels kommt in den Blick. So hat es Jesus beim letzten Mahl gemeint, und so geschieht es, wenn wir „zu seinem Gedächtnis“ Eucharistie feiern. Denn indem wir gedenkend und dankend den Lobpreis über Brot und Wein sprechen, öffnen wir uns der Verheissung, dass Gott dann auch unser und seiner Heilstaten gedenkt. Im Heiligen Geist, den wir über die Gaben herabrufen, werden menschliches und göttliches Gedenken eins. Im Gedächtnis Gottes aber ist nichts verloren, dort ist die Geschichte Jesu, des Gekreuzigten und Auferstandenen, Gegenwart und Wirklichkeit. Dort ist er selbst als der Erhöhte, der in jedem Augenblick zu uns kommen will, in unser Herz, im Wort, in Brot und Wein, am Ende in Herrlichkeit.
MARTIN BRÜSKE FREIER MITARBEITER LITURGISCHES INSTITUT