Wie offen sind wir wirklich?
Frau Könemann, mit was beschäftigen sich Sie und Ihre Mitarbeitenden?
Wir sind ein Forschungsinstitut der schweizerischen katholischen Kirche und haben einen doppelten Auftrag. Einerseits sind wir für pastoral- und religionssoziologische Forschung zuständig und untersuchen die religiös-gesellschaftliche Landschaft der Schweiz unter der Frage, wie sich Glaube und Religiosität heute verändern. Wir wollen den Kontakt in die Welt suchen und müssen daher etwas über die Welt wissen. Andererseits ist die Pastoralplanungskommission der Schweizerischen Bischofskonferenz mit ihrem Sekretariat bei uns angesiedelt. Unsere Aufgabe lautet, aus den Forschungsergebnissen Rückschlüsse für pastorale Planungskonzepte in der Schweizer Kirche zu ziehen.
Sie gelten als Kennerin der so genannten „Sinus-Studie“, die Anfang 2006 herauskam. Worum handelt es sich dabei?
Die Sinus-Studie ist eine empirische Studie, die sich mit religiösen und kirchlichen Orientierungen von Menschen in Deutschland beschäftigt. Sie kam auf Initiative der deutschen katholischen Kirche zustande. Zum ersten Mal beauftragte man ein klassisches Marktforschungsinstitut, Sinus Sociovision in Heidelberg. Dieses Institut beschäftigt sich seit 20 Jahren mit „Milieus“ und hat zehn „Lebensstilmilieus“ entwickelt.
Was ist ein „Lebensstilmilieu“?
Man versucht, Menschen in Gruppen, so genannten Milieus, zusammenzufassen, welche die gleichen Lebensauffassungen, gleiche Werthaltungen haben und nach dem gleichen „Lifestyle“ leben: Sie ähneln sich im Kleidungsstil, in der Wohnungseinrichtung, in ihren Freizeitinteressen, in ihrem Fernsehkonsum oder in der Literatur, die sie lesen.
Ein Beispiel für ein „Milieu“?
Das Milieu der „Etablierten“ beschreibt beispielsweise eine gehobene Schicht. Die Mitglieder sind sehr solvent und in ihrer ideellen Grundhaltung tendenziell eher im konservativen Bereich anzusiedeln. Sie vertreten „klassische“, traditionelle Werthaltungen …
Und ein anderes Milieu?
Auf der anderen Seite wäre das „hedonistische Milieu“ anzusiedeln, das eher eine Unterschicht betrifft. Von der Altersstruktur finden sich dort jüngere Menschen als bei den Etablierten. Die Maxime im hedonistischen Milieu heisst: Das Leben geniessen, Spass muss sein. Diese Menschen sind eher auf Flexibilität hin angelegt und werden in der Studie als „postmodern“ bezeichnet.
Doch all diese Milieus sind natürlich Chiffren. Sie versuchen, mit einem Begriff die Lebensstile zu sortieren. Soziologisch gesehen handelt es sich um Idealtypen, um Modelle, die in der Reinform eher selten vorkommen.
Und hier spielen nun auch religiöse und kirchliche Orientierungen eine Rolle?
In der Marktforschung werden diese Milieus seit 25 Jahren immer weiter entwickelt und genutzt. Jetzt wurden Personen aus allen Milieus nach ihren religiösen und kirchlichen Orientierungen gefragt. Nur wenige religionssoziologische Studien haben bisher mit einem milieuspezifischen Ansatz gearbeitet.
Zu welchen Schlüssen kam die Sinus-Studie?
Das aufrührendste Ergebnis der Studie war, dass die katholische Kirche letztlich nur noch in drei Milieus verwurzelt ist: im Milieu des Konservativen, der Traditionsverwurzelten und in der bürgerlichen Mitte. Und auch dort ist keine ungebrochene, kritiklose Zustimmung mehr zu finden. Kritik ist ja erst mal nichts Tragisches; aber man stellte auch fest, dass die Zustimmungswerte mit dem Alter steigen. Einen ungebrochenen Rückhalt findet die Kirche also nur noch im Bereich der älteren Mitglieder aus den drei Milieus.
Kennt man die Kirche in den anderen Milieus gar nicht?
Das andere Ergebnis der Studie besagt, dass die Kirche über einen Bekanntheitsgrad von 100 Prozent verfügt. Doch die Bekanntheit geht in vielen Milieus mit einer deutlichen Kritik und mit einer zunehmenden Gleichgültigkeit einher. Man kann sagen: Je weiter man zu den postmodernen Milieus kommt, desto gleichgültiger wird die Haltung gegenüber der Kirche.
Die Kirche spielt für diese Menschen keine Rolle?
Überspitzt gesagt lautet die Einstellung: Die Kirche gibt es, sie ist auch nicht uninteressant und hat teilweise etwas Faszinierendes an sich. Die Faszination erstreckt sich vor allem auf Bereiche wie die Ausübung der Riten: Je aufgeladener, je bombastischer gefeiert wird, desto schöner, desto faszinierender. Nicht der schlichte Gottesdienst wird geschätzt, sondern die opulente Messe mit Weihrauch und wunderschönen Gewändern. Wir haben es auch mit einer Ambivalenz zwischen Faszination und Unverbindlichkeit zu tun. Die Kirche wird als Fels in der Brandung empfunden, der unbeschadet jeder Zeitgeistströmung trotzt, und dem wird auch Anerkennung gezollt. Doch mit dem eigenen Leben hat das nur wenig zu tun.
Und wie sieht die Kritik aus?
Die Kritik zielt im Grossen und Ganzen auf die bekannten Punkte: Zölibat, Zulassungsbedingungen für kirchliche Ämter und Machtentfaltung der Kirche. Ob es zum Beispiel Sinn macht, das Geld in Gebäude oder Ereignisse wie den Weltjugendtag zu inves-tieren, statt es den Armen zu geben? Die Kritik ist teilweise auch klischiert. Eine wirkliche Auseinandersetzung und eine Überprüfung dieser Kritik finden oft überhaupt nicht statt. Das Wissen über die Kirche, aber auch über christlichen Glauben nimmt deutlich ab. Die Bibel beispielsweise wird von höher gebildeten Kreisen als Kulturgut wahrgenommen, von den weniger gebildeten Kreisen als ein altes, ein wenig merkwürdiges Buch.
Die Kirche erreicht also die Mehrheit der Milieus nicht mehr, obwohl sie Präsenz zeigt. Warum?
Sinus Sociovision stellt die These auf, dass die Lebenswelten der Einzelnen so unterschiedlich sind, dass sie sich nicht mehr untereinander verständigen können. Die Menschen reden anders, haben einen anderen Sprachgebrauch, völlig andere Lebensweisen und Gewohnheiten. Verständigung wird auch gar nicht gesucht. Man redet höchstens übereinander, aber innerhalb des eigenen Milieus.
Ein Grund, warum die Kirche viele Milieus nicht mehr erreicht, hängt auch mit den Mitgliedern der Kirche und den haupt-, neben- und ehrenamtlich Tätigen zusammen. Diese rekrutieren sich aus wenigen und immer denselben Milieus.
Höchstens die Kinder von kirchennahen Menschen bleiben auch mit der Kirche verbunden?
Vielfach ist das so. Damit vervielfältigt sich auch immer wieder das gleiche Milieu, und man erhält kaum oder keinen Kontakt zu anderen Milieus, die gar nicht angesprochen werden.
Können Sie das veranschaulichen?
Schauen Sie doch nach den Gemeinsamkeiten unter den kirchlichen Mitarbeitern! Und schauen Sie, wie viele exotische, für kirchliche Verhältnisse „unangepasste“ Typen es dort gibt! Ich glaube, dass die kirchliche Welt dazu neigt, Mitarbeiter zu „domestizieren“, allein schon im äusseren Erscheinungsbild. Die Kirche hat recht klare Stilvorstellungen, und alles andere fällt dann heraus. Man steht nicht mit Irokesenschnitt und Militärhose als Lektor in der Kirche und trägt die Lesung vor.
Von der anderen Seite betrachtet hat ein „kirchenferner“ Mensch vielleicht Angst, sich anpassen zu müssen, wenn die Wertvorstellungen eines konservativen Milieus repräsentativ als diejenigen der Kirche gelten?
Ja, so ist es. Diese Frage nach einer wechselseitigen Anpassung beziehungsweise Offenheit füreinander wird uns in der Zukunft beschäftigen. Ich halte es aber weder für sinnvoll, dass sich die Kirche beispielsweise einem hedonistischen Milieu anpasst, noch umgekehrt. Ein möglicher Mittelweg wäre, genauer hinzuschauen – gerade bei kirchlichen Anstellungen.
Was heisst „genauer hinschauen“?
Über Äusserlichkeiten entscheidet sich heute eine Menge, und ich glaube, ein zweiter Blick ist wichtig. Für kirchliche Berufe interessieren sich auch Leute ohne den „klassischen Hintergrund“ wie katholisches Elternhaus, Gemeindearbeit und Theologiestudium. Sondern Menschen aus einem areligiösen Elternhaus, die plötzlich das Christentum entdecken. Diese bringen neben ihrer Ernsthaftigkeit häufig einen anderen Blick und einen anderen Stil mit. Gerade im Religionsunterricht wären solche „anderen“ notwendig. Von einem äusseren Erscheinungsbild und einer vielleicht flapsigeren Sprache sollte man sich nicht abschrecken lassen.
Ist es ein Ziel der katholischen Kirche, alle Milieus zu erreichen?
Es ist zumindest ein Ziel des Evangeliums. Die christliche Grundbotschaft richtet sich an alle Menschen, nicht nur an ausgewählte Milieus, daher ist es auch ein Ziel der Kirche. Ob es ihr auf Dauer gelingen wird, steht auf einem anderen Blatt. Wie man sie erreichen kann, ebenso.
Hat man nicht sofort den Vorwurf von „Anbiederung“ und „Ausverkauf des Christlichen“ am Hals?
Von Seiten der Sinus-Studie gibt es so genannte „Dos and Donts“, wie die Milieus anzusprechen sind und welche Kommunikationsfallen existieren. Die einen mögen keine Kraftausdrücke, die anderen keine gestelzte Sprache und keine Fachausdrücke. Aber es geht nicht darum, wie die Milieus bestmöglich angesprochen werden. Ein Pfarrer, der plötzlich wie ein „Konsum-Materieller“ auftritt, wirkt nicht sehr glaubwürdig. Auch können wir wohl nicht alle Menschen erreichen, denn jeder hat auch die Freiheit, sich gegen eine Religion zu entscheiden. Ich setze aber auf einen langfristigen Prozess von Beziehungsarbeit.
In bestimmten Bereichen der Seelsorge gelingt doch eine Milieuüberschreitung. Wie sieht es auf der Ebene der Pfarreien aus?
In unseren Gemeinden und Pfarreien hat man sich vielfach seinen Raum geschaffen, in dem man sich wohl fühlt. Solche Räume haben etwas Einladendes für die Leute, die dazu passen, und etwas Ausschliessendes für diejenigen, die auf den ersten Blick nicht dazu passen. In den Pfarreien wird es darum gehen zu überprüfen: Wie offen sind wir wirklich? Haben wir uns in der Gemeinde, die lebendig ist und gut funktioniert, gut eingerichtet und können so weiterleben, auch wenn wir merken, dass keine neuen Leute dazukommen? Richten wir uns nur noch nach dem Stammpublikum aus?
Es geht um einen Selbstüberprüfungsprozess. Was im Moment gemacht wird, ist keineswegs falsch. Jede Gruppe hat das Recht auf eine Selbstvergewisserung nach dem Motto „Wir haben es gut miteinander“ – doch wenn sie dabei stehen bleibt, gerät sie in Gefahr, sich abzuschotten. Über das eigene Wohlfühlen soll ein Schritt hinausgegangen werden zu einer Öffnung nach aussen: Haben auch andere Menschen Interesse dazuzukommen? Dazu braucht es auch die Fähigkeit, ein wenig „neben sich“ zu stehen und sich aus der Distanz zu fragen: Was machen wir hier eigentlich? Wollen wir immer wieder das Gleiche wiederholen?
Andere betrachten dies als Rückzug auf das Kerngeschäft. Wenn eben keine neuen Leute kommen, dann soll sich die Kirche auf ein Überwintern einrichten, bis eben wieder bessere Zeiten kommen. Macht diese Strategie für die Kirche in der Schweiz Sinn?
Das kommt auf die Perspektive an: Wenn es ums Überwintern geht, mag das stimmen. Vielleicht gelingt es ja. Aber aus der Perspektive „Was will christlicher Glaube? Was will das Evangelium?“ – dann ist das keine hinreichende Antwort. Wenn es darum geht, von meinem Glauben Zeugnis zu geben und diese froh machende Botschaft zu transportieren, dann kann ich mich nicht wie ein Murmeltier in mein Erdloch zurückziehen und überwintern. Für Christinnen und Christen gibt es den Auftrag – so anstrengend es auch ist und so sehr es auch die Zeiten des Rückzugs braucht –, nach draussen zu gehen, sich immer wieder auch in gesellschaftspolitische Debatten einzumischen und in den Gemeinden die Frage nach Diakonie zu stellen. Der Grundauftrag christlicher Gemeinde ist nicht, sich in erster Linie einzurichten und sich wohl zu fühlen in dem, was man er-reicht hat.
INTERVIEW: ANN-KATRIN GÄSSLEIN,
FORUMKIRCHE