Liebe Leserin, Lieber Leser
Winston Churchill soll einmal behauptet haben, er vertraue nur Statistiken, die er selbst gefälscht habe. Diese Skepsis teile ich – selbst wenn die Studien von kirchlichen Institutionen in Auftrag gegeben werden. Dennoch kann ich die Schlüsse nachvollziehen, die Judith Könemann in unserem Interview aus der so genannten „Sinus-Studie“ zieht. Es reicht nämlich schon der aufmerksame Blick in den eigenen Wohnort, den persönlichen Freundes- und Bekanntenkreis, ins berufliche Umfeld und in die Heimatpfarrei, um dieselben Beobachtungen zu machen.
So erlebe ich beispielsweise häufig, dass die katholische Kirche in bunt gemischten Runden ein beliebtes Gesprächsthema ist. Man findet sie interessant, spannend, vielleicht sogar faszinierend. Gleichzeitig steht aber höchst selten zur Debatte, dieser Kirche auch als praktizierendes Mitglied anzugehören.
In der Pfarreigemeinschaft wiederum fällt mir auf, dass die aktiven jungen Familien mehr oder weniger demselben gesellschaftlichen Milieu angehören. Ich würde dieses Milieu in meiner selbst gefälschten Hausstudie mit familiär-ökologisch-sozialdemokratisch-wertkonservativ umschreiben. Oder mit dem altbekannten Slogan: „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“.
Man kann die Thesen von Judith Könemann als ernüchternd empfinden, vielleicht sogar als kalte Dusche. Aber eine solche wirkt ja auch anregend. Und mich ermutigt sie sogar. Erstens bin ich überzeugt, dass dieses neue kirchliche Milieu für unsere gesamte Gesellschaft noch enorm wichtig werden könnte, weil es ein gesellschaftlich sehr engagiertes und waches Milieu ist, das zum Anwalt für Nachhaltigkeit in allen Bereichen werden könnte. Zweitens schätze ich es, wenn wir neben unseren Stärken auch unsere Schwächen erkennen. Damit wir wissen, wo es anzupacken gilt …
THOMAS BINOTTO