Feindesliebe als gelebte Freiheit
„Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen.“ Das ist nicht gerade leichte Kost, was uns Jesus in der so genannten Feldrede im Lukasevangelium zumutet: Diejenigen segnen, die mich verfluchen. Nach der rechten Wange auch noch die linke hinhalten. Nach dem Mantel auch noch das Hemd hergeben. Und dann auch noch für diejenigen beten, die mich misshandeln. Aus der Sicht mancher Opfer müssen diese Forderungen zynisch klingen und manch einer mag darin den Versuch sehen, eine selbst-erniedrigende Opfermentalität noch spirituell zu überhöhen. Menschen, denen man ohnehin schon auf beide Wangen geschlagen hat, denen nicht nur das Hemd, sondern alles vom Leib gerissen wurde, Menschen, die aus ihrer Sicht ihrer ganzen Würde und ihres eigenen Selbst beraubt wurden, solche Menschen haben nichts mehr hinzugeben und schon gar nicht die Freiheit, etwas zurückzuverlangen.
Freiheit aber ist die Bedingung, um die Worte Jesu nicht nur zu hören, sondern auch umzusetzen. Nur in Freiheit kann ich auch die linke Wange hinhalten und mein Hemd hergeben. Nur in Freiheit kann ich etwas nicht zurückverlangen. Und nur als freier Mensch kann ich mich entscheiden, mich auch denen zuzuwenden, die mich nicht lieben, und denen Gutes zu tun, von denen ich nichts dafür erhoffen kann. Wenn Jesus also zur radikalen Feindesliebe aufruft, dann wendet er sich an freie Menschen. Aber worin besteht diese Freiheit?
Es ist die Freiheit der Kinder Gottes. Sie ist begründet in der Erfahrung der Barmherzigkeit des Vaters, des Höchsten, der auch gütig ist „gegen die Undankbaren und Bösen“. Wer in der Begegnung mit Christus erfahren darf, dass er in seinen eigenen Schwächen und Verletzungen, in seiner eigenen Aggression und Gewalt von Gott angenommen ist, ohne verurteilt und gerichtet zu werden, der wird frei von der Angst um sich selber, frei davon, um jeden Preis sein vermeintliches Recht einfordern und erlittene Gewalt mit eigener Gewalt beantworten zu müssen. Die Erfahrung, dass Gott in allem zu mir steht und dass mir niemand wirklich etwas nehmen kann, solange ich Gott habe, eröffnet erst die Freiheit, selbst die Feinde zu lieben. Lieben nicht im Sinne eines Gefühls, sondern im Sinne einer Offenheit für die verletzte Realität des Verletzenden.
Das Gesagte tönt gut, aber die Praxis zeigt, dass für viele von uns die Voraussetzung der Feindesliebe, die eigene Erfahrung der barmherzigen Liebe Gottes, noch nicht so richtig angekommen ist. Für manche sind die erlittenen Verletzungen und Enttäuschungen so gross, dass der Zugang zu dieser Erfahrung menschlich gesehen fast unmöglich erscheint. Sie alle dürfen wir aber aufgehoben wissen in den Seligpreisungen, welche die Feldrede Jesu eröffnen: Selig, ihr Armen. Selig, die ihr hungert. Selig, die ihr jetzt weint, denn euch gehört das Reich Gottes. Für alle anderen aber, für die Gottes Barmherzigkeit in irgendeiner Weise konkret erfahrbar wurde, muss der Aufruf Jesu zur Feindesliebe mehr sein als nur frommes Wunschdenken. Nicht zu richten und nicht zu verurteilen ist die stete Herausforderung für unseren Alltag. Überall, wo uns das gelingt, vertieft sich die befreiende Erfahrung, dass auch wir nicht gerichtet werden, auch und schon gar nicht von Gott.
BEAT ALTENBACH SJ
HOCHSCHULSEELSORGER, AKI