Was uns wirklich heilt
forum: Die Psychologie scheint heute die Arbeit zu übernehmen, die ursprünglich der kirchlichen Seelsorge zu Grunde lag. Hat es die Kirche verpasst, den Menschen bei der Lösung ihrer Probleme zur Seite zu stehen?
Albert Schmucki: Wahrscheinlich haben heute viele Menschen den Eindruck, dass der Psychotherapeut besser auf ihre Sorgen und Ängste eingehen kann, da er ihnen in ihrer Lebenssituation konkretere Hilfen anbieten kann. Das heisst aber nicht, dass die Psychotherapie alle Aufgaben der Seelsorge übernehmen kann. Sobald es um grundsätzliche Fragen geht wie Herkunft des Menschen, seine Verantwortung, Ziel und Sinn des Menschseins, kommt die Psychotherapie von ihrem weltanschaulichen Hintergrund her schnell an ihre Grenzen. Sie kann und muss auf die letzten Fragen keine Antworten geben können. Ich erlebe nicht selten, dass Menschen nach einer abgeschlossenen Psychotherapie ihre offen gebliebenen Fragen am liebsten mit einem Seelsorger besprechen würden, es aber nur selten wagen.
Kann moderne Seelsorge noch ohne psychologische Kenntnisse auskommen?
Nach dem Verständnis des II. Vatikanischen Konzils ist die Theologie auf den Menschen von heute mit seinen Fragen und Problemen ausgerichtet. Daher ist eine Grundkenntnis der Psychologie in der Tat unerlässlich.
Inwieweit wird diesem Umstand in der theologischen Ausbildung Rechnung getragen?
Im interdiözesanen Einführungsjahr für das Priesterseminar werden die Teilnehmer während eines halben Tages pro Woche von einem Psychologen begleitet, um sich und ihre Motivationen besser kennen zu lernen. Später besuchen alle Theologiestudierenden einige Pflichtvorlesungen in Psychologie. Übungen in seelsorgerlicher Gesprächsführung gehören allerdings erst im Pastoralkurs zum Programm. Dies ist meiner Meinung nach etwas spät. Die psychologische Ausbildung und vor allem die Selbsterfahrung sollte im Theologiestudium mehr Raum einnehmen. Zukünftige Seelsorgende sollten sich selbst recht genau kennen und um ihre Wirkung in sozialen Situationen wissen.
Was zeichnet ein gutes Seelsorgegespräch aus?
In einer ersten Phase muss ein Seelsorger vor allem zuhören können und seinem Gegenüber helfen, seine Probleme selbst zu formulieren. Fragen, Sehnsüchte, Zweifel, die Beziehung zu Gott – alles soll sich zeigen können, ohne dass ein Urteil gefällt wird. Erst in einem zweiten Schritt wird gemeinsam nach Antworten gesucht, wobei der Seelsorger oder die Seelsorgerin ihre persönlichen Glaubenserfahrungen durchaus mit ihrem Gegenüber teilen dürfen.
Seelsorger sollten ihre Möglichkeiten, Menschen im Gespräch zu helfen, nicht unterschätzen. Häufig bringen Menschen ihre Probleme in der Seelsorge früher zur Sprache, selbst wenn sie noch nicht bereit sind, fachliche Hilfe anzunehmen. Oft kennt der Seelsorger auch das Beziehungsnetz der Person: die Familie, Freunde und Bekannte, welche die Person zu einem notwendigen Schritt motivieren können. Nicht zuletzt kann der gemeinsame religiöse Hintergrund eine grosse Hilfe für das Gespräch sein.
Wie begleiten Sie Menschen konkret?
Ich versuche einer Person zu helfen, die Puzzleteile ihres Lebens auszubreiten, damit wir sie gemeinsam betrachten und ordnen können. In der Regel gehe ich in einer therapeutischen Begleitung auf religiöse Fragen erst dann ein, wenn jemand eine gewisse Einsicht in seine persönlichen Probleme hat. Sonst kann die Gefahr der Flucht in eine heile weil religiöse, Welt bestehen. Sobald sich die Person besser kennt, stellen sich religiöse Fragen auch auf einer grundsätzlicheren Ebene: Hat mein Leben trotzdem einen Sinn? Kann ich immer noch an einen gütigen Gott glauben, wenn ich mein Leben mit all seinen Brüchen sehe, wenn ich erkenne, was Gott mir zugemutet hat? Der Glaube kann durch eine Therapie auch reifen: Es erfordert Mut und eine persönliche Entscheidung, sein Leben, so wie es sich zeigt, anzunehmen und aus dem Glauben zu gestalten.
Was bietet die Religion, was die Psychotherapie nicht bieten kann?
Die Religion hat ein riesiges Angebot an Bildern, welche Menschen auf der Sinnsuche weiterbringen können. Bilder voller Hoffnungskeime, die Verkrustungen aufbrechen und heilende Kräfte in Bewegung setzen können. Zwar kann auch die Psychotherapie Hoffnung vermitteln, da sie hilft, das Leben selbstbestimmter zu bewältigen. Die Hoffnung, welche die Religion vermittelt, ist jedoch umfassender. Sie erfasst den Menschen in seinem Kern.
Kann ein Mensch auf dem spirituellen Weg auf Psychologie und Therapie verzichten?
Das kommt auch auf die Lebensgeschichte an. Ich vermute, dass die meisten Menschen, sobald ihre religiöse Praxis tatsächlich ihr ganzes Leben durchdringt, auch in Berührung mit ihren eigenen Verletzungen und Konflikten kommen. Hier kann eine gute therapeutische Begleitung sicher eine grosse Hilfe sein, aber sie stellt nur einen Teil des religiösen Weges dar.
Und wenn in der Meditation alte Traumata aufbrechen?
Können sie im weiteren Meditationsprozess geklärt werden oder ist dann der Gang zum Therapeuten angesagt?
Menschen mit schweren psychischen Störungen sollten keine „Tiefen-Meditation“ praktizieren. Meditation kann zwar die Selbstwahrnehmung – auch die Wahrnehmung der eigenen Ganzheit – vertiefen, aber zum christlichen Erlösungsweg gehören auch der andere Mensch und die Gruppe. Beziehungsfragen löse ich nicht mit mir alleine im Meditationsraum. Da braucht es die Ebene des Gesprächs, der Versöhnung, des sozialen Engagements. Ein gesunder spiritueller Weg verbindet Meditation mit Solidarität, d.h. mit konkret gelebten Beziehungen.
Sowohl die Seelsorge wie die Psychotherapie streben das Heilwerden des Menschen an. Was aber heilt uns?
Die tragende Beziehung, in der ich mich mit meinen Bruchstücken und Fragmenten angenommen weiss und dadurch heil werden kann. In der Psychotherapie ist es vor allem die Beziehung zu einem anderen Menschen, in der geistlichen Begleitung ist es stärker die Beziehung zu Gott.
Wie können sich Seelsorge und Psychotherapie gegenseitig befruchten?
Indem beide Disziplinen um ihre Kompetenzen und Grenzen wissen und in einen echten Dialog miteinander treten. Die Theologie sollte ein wenig mehr darauf achten, wo die Psychotherapie die Probleme der Menschen ortet. So sollte sie z.B. um die Schwierigkeit der Identitätsfindung in unserer Gesellschaft wissen. Umgekehrt sollte die Psychotherapie bescheidener werden und sich nicht zur Ersatzreligion aufspielen.
Was müsste die Kirche tun, um heute das Bedürfnis nach Spiritualität abdecken und den Menschen in seiner Sinnsuche begleiten zu können?
In unserer pluralistischen Gesellschaft ist es wichtig, dass die Kirche selbstbewusst zu dem steht, was sie anbieten kann. Aber sie muss auch Offenheit signalisieren für Menschen, die einen Weg mit der Kirche gehen möchten, ohne sich gleich von Anfang an vollständig mit ihr identifizieren zu können. Es bräuchte mehr Gruppen, die unterwegs auf der Sinn- und Glaubenssuche sind, denn in der Gruppe ist dieser Weg einfacher zu gehen als alleine. Menschen suchen wieder Spielräume – auch auf der spirituellen Ebene. Das heisst nicht, dass sie gleich missioniert werden wollen.  Â
GESPRÄCH: PIA STADLER