Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 3, 2007 Was ist „Liebe“?
4. Sonntag im Jahreskreis (28. Januar)

Was ist „Liebe“?

Artikelaktionen

„Liebe“ ist ein grosses und darum missbrauchbares und oft auch missbrauchtes Wort. Nur zu häufig täuschen wir uns über unsere eigenen Gefühle und verwechseln Abhängigkeit, Machtanspruch oder eigene Leere mit Liebe. Das erleben wir in Partnerschaften, in denen im Namen der Liebe eine erstickende Nähe entstehen kann.
So wächst Misstrauen gegenüber dem grossen Wort; viele vermeiden es gar ganz und mit ihm die damit gemeinte Wirklichkeit. Als ich jung war, hat mich die Kirche gerade darum fasziniert, weil sie die grossen Worte nicht scheut – vielleicht deshalb, weil sie die nötigen korrigierenden Mahnungen gleich mitliefert.
Das 13. Kapitel des ersten Briefes an die Christen in Korinth nennt man „Hohelied“ der Liebe. Paulus betont darin zu Recht, dass Liebe in erster Linie Tat und nicht Gefühl ist. In einem Wasserfall von Tätigkeitswörten versucht er zu fassen, was sie denn sei, die Vielbeschworene: Sie geduldet sich und verschenkt Güte, sie erträgt, glaubt, hofft, hält stand, freut sich an der Wahrheit. Aber wie so oft ist es einfacher zu sagen, was Liebe nicht tut: neiden, prahlen, sich aufblähen, unanständig handeln, ihren Vorteil suchen, sich zum Zorn reizen lassen, Böses nachtragen, Unrecht akzeptieren.
Solche Liebe ist gemeint mit dem berühmten griechischen Begriff „Agape“. Sie hat nur am Anfang etwas zu tun mit dem berüchtigten Pfeil Amors – wenn überhaupt. Paulus argumentiert in zwei Richtungen: Zum einen betont er, die grundlegende Haltung eines christlichen Menschen müsse die Liebe sein. Alle Talente und Taten – ganz besonders die spirituellen Leistungen – sind wertlos, wenn sie nicht getragen sind von der Liebe und in gütige Taten münden. Diesen Spiegel muss sich jeder praktizierende Chris-tenmensch vorhalten: Führt mein Beten, Meditieren, Mitfeiern des Gottesdienstes zu mehr Taten der Liebe in meinem Leben?
Das erinnert mich an die heissen Diskussionen, die wir während des Theologiestudiums über die richtigen Interpretationen der Glaubensinhalte geführt haben. Unser Professor Eduard Christen pflegte sie jeweils abzuschliessen mit den Worten: „Es gibt im christlichen Glauben ein einziges Kriterium für Rechtgläubigkeit, und das ist die Liebe.“
Die Liebe (zum Du und zu mir) muss Tag für Tag durchbuchstabiert werden; in jedem Einzelfall stehen wir neu in der Entscheidung, was sie gebietet. Sie verlangt uns grösste Anstrengungen ab und gleichzeitig wird sie uns geschenkt, ja muss uns geschenkt werden. Dies ist die zweite Stossrichtung des Hohelieds der Liebe: Wenn es denn so etwas wie einen Gottesbeweis gibt, ist es die Fähigkeit des Menschen zur Liebe. Paulus zählt die Liebe darum zu den Gnadengaben des Heiligen Geistes. Sie ist die deutlichste Vision auf das, was der Mensch einmal sein könnte. „Was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden“, heisst es an anderer Stelle. Die Liebe eröffnet daher nicht nur eine Ahnung Gottes, sondern auch Hoffnung auf das Wunder und Potenzial des Menschen. Im Lieben sind wir Christgläubigen nie fertig und könnten uns lebenslang weiter vervollkommnen.

GISELA TSCHUDIN, GEMEINDELEITERIN DER PFARREI ST. MARTIN in ZÜRICH

Artikelaktionen

"Wenn ich in der Sprache der Menschen oder der Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder ein lärmende Pauke."

1. Korintherbrief 13,1