Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 3, 2007 SOS Narrenschiff
GLOSSE

SOS Narrenschiff

Artikelaktionen

Die „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke ist längst ein Klassiker geworden – freiwillig gelesen wird dieses Theaterstück also nicht mehr. Sein Titel allerdings ist zum Allgemeinbegriff geworden: Was eine Publikumsbeschimpfung ist, wissen selbst jene, die noch nie etwas von Peter Handke gehört haben.
Einer besonders wirksamen Form der Publikumsbeschimpfung fallen wir hin und wieder sogar in der katholischen Kirche anheim. Nichts ahnend sitzen wir im Gottesdienst, haben zwecks Senkung des Altersdurchschnitts sogar Kinder im Verschlepptau dabei und plötzlich geht über uns das Gewitter los. Wir werden mahngepredigt! Dass wir laue Christen seien, bequem, desinteressiert, distanziert. Dass unser Glaube ver-dunste, anstatt sich zu verdichten. Bildlich gesprochen: dass wir zu sehr das Leben im Freibad geniessen, anstatt in der Sauna zu schwitzen. Verweichlichte Schönwetter-christen durch und durch.
Je eindringlicher sich die Ermahnung austobt, desto verwirrter werden wir. Sind wir nicht unvermummt und freiwillig hierher gekommen? Haben wir nicht das Gemaule unserer Kinder heldenhaft ertragen? Sind die Ministranten dort vorne nicht ein lebendiges Anti-Verdunstungs-Manifest? Und war da nicht eben noch diese prokatholische Stimmung?
Zunächst verstehen wir die Welt nicht mehr, aber allmählich zeigt die Ermahnung dann doch Wirkung. Am Schluss sind wir genau dort, wo uns die Mahnpredigt haben wollte: desinteressiert, distanziert und auf lauwarm heruntertemperiert. Und nun wissen wir auch, was ansteht: so schnell wie möglich all jene Sünden begehen, die uns bereits vorgeworfen wurden. Man will ja schliesslich etwas für seine Bussfertigkeit haben. Am Ende verlassen wir den Gottesdienst als lustlose Christen und siehe da, der Mahnprediger hat doch noch recht gekriegt.
Eintrag ins Logbuch: Wer zur Verduns-tung des Glaubens aktiv beitragen will, der heize den Gläubigen nur tüchtig ein.

THOMAS BINOTTO

Artikelaktionen
Das „Narrenschiff“, 1494 von Sebastian Brant verfasst, ist eine spätmittelalterliche Satire, in der durch bewusste Übertreibung der Zeitgeist karikiert wird.