Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Liebe Leserin, Lieber Leser

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Wohin würden Sie sich mit Ihren persönlichen Problemen und Sinnfragen eher wenden: an einen Seelsorger oder eine Psychotherapeutin?
Den meisten Menschen scheint heute der Gang zum Psychotherapeuten leichter zu fallen. Hat die Psychotherapie die Rolle der Seelsorge übernommen? Ist Psychotherapie gar die bessere Seelsorge? Oder gelingt es der Religion, insbesondere den christlichen Kirchen, heute einfach nicht mehr, den Menschen in seinen konkreten Alltagsschwierigkeiten anzusprechen?
Die Trennlinie zwischen Psychotherapie und Religion ist brüchig geworden. Von der alten Gegnerschaft aus den Anfangsjahren der Psychoanalyse ist kaum mehr etwas übrig geblieben. Schon rein sprachlich sind Seelsorge und Psychotherapie eng verwandt: Was der eine Begriff auf Deutsch aussagt – für die Seele sorgen –, ist im anderen auf Griechisch enthalten – griech. psyche: Seele; therapeuein: dienen, helfen. Auch in ihrem Grundanliegen, den Menschen heil und ganz werden zu lassen, begegnen sich die Disziplinen. Beide helfen sie dem Menschen, in Einklang mit sich selbst und der Welt zu leben.
Daneben bestehen auch Unterschiede. Religion hat die Grundfragen des Lebens in einem umfassenden Sinn im Blick: Es geht in der Ausrichtung auf eine letzte Wirklichkeit um ein Gelingen und ein Heil, das Leben und Tod übertrifft. Psychotherapie kennt in der Regel einen solch übergreifenden Horizont nicht und sucht in viel kleineren Lebenszusammenhängen – und oft auch in konkreteren Schritten –, leidvolle Muster zu verändern.
Die Beziehung zwischen Religion und Psychotherapie bleibt spannend. Freuds Definition der Religion als „kollektive Neurose“, aber auch die Ansicht, der rechte Glaube allein heile alles, scheinen überwunden. Die Frage stellt sich nun, wie sich Seelsorge und Psychotherapie gegenseitig befruchten können.

PIA STADLER

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Pia Stadler