Herzliche Gastfreundschaft
„Eigentlich wollten wir im Rahmen der ökumenischen Erwachsenenbildung nur eine andere Religion vorstellen“, erklärt Maria Kolek Braun, katholische Gemeindeleiterin in Greifensee. „Aus aktuellem Anlass entschieden wir uns für den Islam“, fährt die reformierte Pfarrerin Christine Schmid fort. Der Zyklus umfasste drei Abende: Zuerst erläuterte der Religionswissenschaftler Georg Schmid den Islam aus christlicher Perspektive, dann gab Ismael Amin, Präsident der Vereinigung Islamischer Organisationen Zürich (VIOZ), eine Innensicht, und zuletzt besuchte die Gruppe die Moschee in Werrikon. „Die Veranstaltungen waren überraschend gut besucht“, freut sich der katholische Pastoralassistent Matthias Braun.
Damit wäre das Thema beendet gewesen. Nach dem Besuch in der Moschee hatten die muslimischen Gläubigen jedoch überraschend zum Essen eingeladen, „in einer ausserordentlich herzlichen Atmosphäre“, wie Christine Schmid betont. „Es ergaben sich interessante Diskussionen, auch mit den Frauen, die in der Moschee eher im Hintergrund waren“, erzählt Torsten Wintergerste vom Team der ökumenischen Erwachsenenbildung. „Deshalb haben wir unsere neuen Freunde spontan zu einem Besuch bei uns eingeladen.“ In der reformierten Kirche und dem katholischen Gottesdienstraum wurden Symbole und Riten erklärt: Taufstein, Kerzen, Kanzel … und auf viele Fragen Antworten gesucht. Klar, dass wieder ein gemeinsames Essen den Abend abrundete.
Damit war ein Dialog in Gang gekommen, der jedoch kritische Fragen nicht ausschloss: „Wir konnten in der Moschee alles ansprechen, es gab keine Tabus“, fährt Wintergerste fort. „Auf einige Fragen gab es keine für uns klare Antwort, aber beim Gegenbesuch hatten auch wir Schwierigkeiten, eindeutige Antworten zu geben.“ Jedenfalls ergaben sich intensive Gespräche, eine Gruppe von Christen und Muslimen blieb bis nachts um 1 Uhr. „Ich war überrascht, wie sehr es nicht nur um die Begegnung ging, sondern um Fragen, die den Kern der Religion betreffen“, ergänzt Maria Kolek. „Wir möchten diesen Dialog in kleinen Gruppen fortsetzen, da es so besser möglich ist, persönliche Glaubensüberzeugungen zu vermitteln.“
Damit nicht genug: Im Ramadan luden die Muslime die Christen zum Fastenbrechen ans Iftar-Essen ein. „Dass aus diesen Begegnungen ein echter Dialog resultierte, freut mich besonders“, meint auch Fatih Dursun, Beauftragter bei der VIOZ für Öffentlichkeitsarbeit und bei den Anlässen in Greifensee als Dolmetscher im Einsatz. „Es ist ein praktischer Dialog, kein Lippenbekenntnis, sondern ein Sich-Kennenlernen, das Respekt, Wissen und Verständnis auf beiden Seiten fördert“, unterstreicht er. „Nicht nur die Pfarrerin oder der Theologe und der Imam haben miteinander diskutiert, sondern wirklich Leute aus dem Volk.“ Dies bestätigt auch Christine Schmid: „Plötzlich traf man in der Migros eine muslimische Frau, mit der man beim Essen diskutiert hatte, oder ein junger Moslem grüsst mich auf der Strasse.“
Schon ist der nächste Anlass geplant: An der Bibelausstellung in Greifensee wird nicht nur wie üblich ein Tisch das Judentum vorstellen, sondern auch der Islam wird präsent sein. Die muslimische Gemeinde wird zu einer eigenen Führung mit biblischem Imbiss eingeladen.
BEATRIX LEDERGERBER