Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Personelle Veränderung im ökumenischen Aidspfarramt

Ein Pionier räumt das Feld

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Während 16 Jahren war Guido Schwitter der katholische Seelsorger im ökumenischen Aidspfarramt. Jetzt nimmt er Abschied und wendet sich einer neuen Aufgabe zu.

Die Bilder hängen noch an der Wand, auf dem Schreibtisch stapeln sich wie eh Papiere und auch das Körbchen mit den Stop-Aids-Kondomen liegt an seinem gewohnten Platz auf dem Besprechungstisch. Noch deutet wenig darauf hin, dass dem Aidspfarramt ein gewichtiger Wechsel bevorsteht: Ende Januar räumt Guido Schwitter das Büro an der Universitätsstrasse, das während 16 Jahren seins war. Wie viele verzweifelte Menschen sind hier ein- und ausgegangen, sind vorurteilslos aufgenommen worden und haben nicht nur kompetente Beratung, sondern auch spirituelle Begleitung und menschliche Nähe erfahren!
Guido Schwitter war der erste katholische Aidsseelsorger in Zürich. Mit seinem Eintritt ins bis dahin rein reformierte Aidspfarramt wurde dieses 1990 ökumenisch. Zuvor war er während zehn Jahren als Laientheologe in der Pfarrei Guthirt Wipkingen tätig, dann von 1985 bis 1990 zu je fünfzig Prozent bei Caritas Aargau und in der Gefängnisseelsorge der Strafanstalt Lenzburg. „Da wurde mir klar: Ich bin eher der Einzelseelsorger, nicht der Verkünder und Liturg“, sagt Schwitter. Als er 1990 für die Stelle im Aidspfarramt angefragt wurde, sei er zuerst erschrocken: „Das ist eine Nummer zu gross für mich!“ Doch mit einigem Nachdenken sei ihm klar geworden, dass dies die logische Folge seiner bisherigen Tätigkeiten war. „Während der Zeit in der Pfarrei habe ich mich in CPT, also klinischer Seelsorge, weitergebildet. Bei der Caritas organisierte ich vor allem Kurse zur Begleitung Schwerkranker und Sterbender, und im Gefängnis wurde mir der Umgang mit Menschen in grösster Isolation und Einsamkeit vertraut.“ Er war also gut gerüstet für diese Pionieraufgabe.

VON DER STERBE- ZUR LEBENSBEGLEITUNG
16 Jahre Aidspfarramt – wie hält man das eigentlich aus? Schwitter: „Die ersten Jahre, als es noch keine Medikamenten-Therapien gab, waren schon happig, ein schreckliches Wegsterben. Die Arbeit bestand fast nur aus Sterbebegleitung, manchmal rund um die Uhr, Samstag, Sonntag, im Lighthouse, im Spital oder bei den Leuten zuhause. Wenn das so weitergegangen wäre, wäre ich wohl keine 16 Jahre geblieben.“ Heute gehe es weniger um Begleitung zum Tod als um Lebensbegleitung unter sehr schweren Bedingungen.
Als Glarner habe er eine gewisse Bergbauernhärte, er könne einiges aushalten. Aber noch wichtiger ist für ihn die religiöse, spirituelle Ebene: „Ohne das Urvertrauen, dass auch ich von jemandem gehalten und begleitet bin, der in einer anderen Dimension lebt, hätte ich diese Arbeit nicht machen können.“ Auch Rituale hätten ihm geholfen, schwierige Tageserlebnisse zu verarbeiten. Zum Beispiel das Anzünden einer Kerze für einen Verstorbenen oder für jemanden, dem es sehr schlecht ging. „Immer wieder musste ich Menschen einfach Gott übergeben, weil ich an die Grenzen meiner Möglichkeiten stiess.“
Doch es gab in den 16 Jahren auch viel Schönes. „Wenn es um Leben und Tod geht, fallen alle Masken und es zählt nur noch das Eigentliche, das Existentielle. Da wird sehr viel Vertrauen und Nähe möglich“, so Schwitter. Diese Echtheit und Nähe sei etwas Wundervolles, wenn manchmal auch eine grosse Herausforderung. Schliesslich müsse die professionelle Distanz gewahrt bleiben.

ETWAS GANZ NEUES
Fällt ihm der Abschied schwer? „Ja natürlich!“, kommt´s wie aus der Pistole geschossen. Warum geht er dann? „Ich bin jetzt 57“, sagt Schwitter, „da habe ich mich gefragt: Ist es wirklich gut, wenn ich meine letzten acht Arbeitsjahre auch noch bleibe? Ist es gut für mich? Für das Team? Für die Klienten?“ Vor allem für ihn selbst lautete die Antwort „nein“. Und so freut er sich auf etwas ganz Neues. Er wird Seelsorger im ökumenischen Pfarramt der Sihlcity-Kirche, die am 22. März ihre Türen öffnet. „Es wird mir guttun, mal vom Thema Krankheit, Medikamente, Schuld und  Tod wegzukommen und da zu wirken, wo das Leben ist, wo Aufbauarbeit geleistet wird, wo man zu den Leuten hingeht“, ist Schwitter überzeugt. Das Thema HIV und Aids will er ganz zurücklassen, so dass er auch die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen verlässt. „Ich will einen Schnitt machen. Natürlich dürfen mich ehemalige Klienten auch in der Sihlcity-Kirche besuchen. Doch sie wissen, dass ich dort nicht mehr diese Art von Begleitung leisten kann.“
Viele Erinnerungen nimmt er mit. So auch das Abschiedsgeschenk jenes Klienten, den er während zehn Jahren begleitet hat: einen grossen Pinienzapfen. Noch ist er geschlossen. Doch wenn er eine Weile in der Wärme steht, wird er sich mit leisem Knacken bemerkbar machen und sich öffnen. Ein schönes Symbol für einen Neuanfang.

JUDITH HARDEGGER

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Guido Schwitter: „Wenn es um Leben und Tod geht, fallen alle Masken und es zählt nur noch das Eigentliche, das Existentielle. Da wird sehr viel Vertrauen und Nähe möglich.“ FOTO: CHRISTOPH WIDER

Das Aidspfarramt wurde 1987 von der Evangelisch-Reformierten Landeskirche des Kantons Zürich errichtet. 1990 beschloss die Römisch-Katholische Kirche des Kantons, das Pfarramt ebenfalls personell und finanziell mitzutragen.
Bis heute besteht die Hauptaufgabe des ökumenischen Aidspfarramtes darin, von HIV und Aids betroffene Menschen sowie ihre Angehörigen seelsorgerlich und psychosozial zu beraten, zu unterstützen und zu begleiten.
Das Pfarramt ist dem Universitätsspital Zürich angeschlossen.

Aidspfarramt
Universitätstrasse 46, 8006 Zürich
Tel. 044 255 90 55
www.aidspfarramtzh.ch