„Spiritualität gehört zum gesunden Menschsein“
forum: Frau Greber, Sie sind Ordensfrau und Fachärztin für Psychiatrie. Ist Psychotherapie die bessere Seelsorge?
Silja Greber: Am besten ist wohl die psychotherapeutische Seelsorge, bei der der Psychotherapeut auch offen für religiöse Dimensionen ist. Ohne die Spiritualität einzube-
ziehen, kann die Psychotherapie einen Menschen nicht ganzheitlich erfassen.
Noch immer aber wird religiöses Erleben in der Psychiatrie oft tabuisiert …
Ja, leider. Während längst offen über Sexualität geredet werden kann, ist die Religion noch weitgehend tabu. Der Psychotherapeut bestimmt mit seiner eigenen Religiosität, inwieweit religiöse Themen angesprochen werden können. Doch viele Psychiater haben selbst keinen Zugang zur Spiritualität. Ohne eigene religiöse Erfahrung bei einem Klienten zwischen echter und krankhafter Religiosität zu unterscheiden, dürfte dann allerdings schwierig sein …
Worin unterscheidet sich ein psychotherapeutisches von einem seelsorgerlichen Gespräch?
Während sich das Seelsorgegespräch auf die Spiritualität eines Menschen konzentriert, haben das psychotherapeutische wie das psychotherapeutisch-psychiatrische Gespräch – Letzteres ist auf Menschen mit psychischen Krankheiten spezialisiert – den Menschen als Ganzes im Blick, seine Entwicklung, sein Ver-halten und Erleben, allfällige Störungen. Biologische Faktoren werden genauso berücksichtigt wie soziale und psychologische – und für mich gehören in dieses Konzept eben auch die spirituellen Bereiche eines Menschen.
Wie gestalten Sie eine Therapie?
Da den meisten Menschen der Gang zur Psychiaterin nicht leicht fällt – was ich sehr gut verstehe –, geht es zu Beginn darum, sich kennen zu lernen. Was führt die Klientin zu mir? Welche Probleme hat sie, in welchem sozialen Umfeld steht sie? Wie ist ihre Lebenssituation? Befindet sie sich in einer akuten Krise, was rasche Intervention für die Alltagsbewältigung nötig macht, oder resultieren ihre Probleme aus frühkindlichen Entwicklungsstörungen, was eher nach einer Analyse ruft?
Je nach Klient arbeite ich mit verschiedenen Methoden wie Gesprächstherapie, Traumarbeit, Gestalten mit Knetstoff oder in Sand, Malen. Gerade bei rationalen, verbal versierten Menschen erreiche ich mit kreativen Methoden mehr als mit Gesprächen.
Inwieweit fliesst Ihr persönlicher Hintergrund als Ordensfrau in die Therapie ein?
Die spirituelle Dimension des Menschseins wird dann thematisiert, wenn sie vom Klienten angesprochen wird, sei es bewusst im Gespräch oder unbewusst in seinen Bildern. Und auch dann sage ich nur so viel, wie es meinem Gegenüber auch weiterhilft.
Was ist denn die Besonderheit echten religiösen Erlebens?
Gesundes religiöses Erleben führt zu einem tiefen inneren Frieden und zeigt seine Umsetzung im Alltag; im Christentum heisst das gelebte Liebe.
Verändern psychische Krankheiten das religiöse Erleben?
Ganz eindeutig, und zwar je nach Krankheitsbild in unterschiedlicher Form. Depressive Menschen haben oft keinen Zugang mehr zu ihrer Spiritualität, sie ist von einer undurchlässigen Mauer umgeben. Bei schizophrenen Krankheiten kann die Spiritualität in einen Wahn eingebaut werden. Die Patienten verlieren den Bezug zur Realität und fühlen sich nicht selten selbst als Gott. Bei Entwicklungsstörungen schliesslich finden viele Patienten erst nach der Bearbeitung ihrer Neurose zu ihrem spirituellen Kern. In meinem Praxisalltag hat jede tief greifende Therapie die spirituelle Dimension des Klienten berührt.
Wie gehen Sie mit krankhaften Gottesbildern um?
Gute Resultate zeigt nach meiner Erfahrung die Transaktionsanalyse, die in ihrem Persönlichkeitsmodell zwischen dem Eltern-Ich, dem Erwachsenen-Ich und dem Kind-Ich unterscheidet. Hat die Klientin erst einmal kognitiv erfasst, dass sie Gott bis anhin mit ihrem destruktiven Eltern-Ich verwechselte, führt dies zu grosser Befreiung. Dann kann das Gottesbild mit neuen, lebensfördernden Emotionen gefüllt werden, die Heilung ermöglichen.
Wie steht es mit Schuldgefühlen? Ein Seelsorger kann dem Menschen die Vergebung Gottes ver-sprechen. Wie helfen Sie als Psychotherapeutin?
Ich versuche zu unterscheiden zwischen Schuldgefühlen und Schuldbewusstsein.
Schuldgefühle sind Folge einer Entwicklungsstörung und damit neurotisch. Ein Kind meint zum Beispiel, es sei schuld an der Scheidung der Eltern. Ein Gefühl, das jeder Grundlage entbehrt, da die Scheidung allein in der Verantwortung der Eltern liegt.
Bei tatsächlicher Schuld und damit verbundenem Schuldbewusstsein rege ich die Klienten an, diese Schuld im Rahmen des Möglichen wieder gut zu machen. Weiss sich eine Frau z.B. nach einer Abtreibung schuldig, kann sie eventuell eine Patenschaft für ein Kind übernehmen und ihm ein besseres Leben ermöglichen.
Welche Bedeutung hat die Spiritualität für die psychische Gesundheit?
Spiritualität gehört zum gesunden Mensch-sein. Zwar gibt es viele Menschen, die ihre spirituellen Anteile negieren, doch irgendwann kommen sie mit ihrer spirituellen Dimension in Kontakt.
Jeder Mensch erhält aus der Tiefe seines Wesens Impulse für sein Leben, auch wenn sie nicht ins Bewusstsein gelangen. Gott ist in jedem Menschen anwesend – er wirkt, ob ich es weiss oder nicht. Wer echte, tiefe Liebe lebt – im Gegensatz zu „lieb sein“ –, wird von einer höheren Kraft genährt. Gott bewirkt Liebe, weil er die Liebe ist.
Woran krankt der moderne Mensch?
Am Stress und an der Sinnleere. Der Stress z.B. am Arbeitsplatz, die Umschichtung der Werte, der materielle Überfluss, der nicht zu befriedigen vermag, die Schwierigkeiten in Beziehungen bedingen Sinnleere, wenn Menschen beginnen, ihr Tun zu hinterfragen.
Sowohl in der Psychotherapie wie in der Seelsorge geht es um das Heilwerden des Menschen. Was aber heilt uns?
Abgesehen von schweren Krankheiten wie Psychosen oder Depressionen, wo Medikamente unerlässlich sind, heilt letztlich die liebende therapeutische Beziehung. Wo der Mensch erfährt, dass er fraglos akzeptiert wird, können alte Defizite aufgefüllt, Verletzungen geheilt werden. Das Wissen um tragende Beziehungen zu Menschen erleichtert auch die Verbindung zu Gott.
GESPRÄCH: PIA STADLER