Weihnachtlicher Realismus
Realismus ist eine anspruchsvolle Tugend geworden. Beständig lädt das Internet in nur vorgestellte, technisch aufbereitete Möglichkeitsräume ein. Die so genannten virtuellen Welten lassen die Grenzen von Möglichkeit und Realität, von Wunsch und Wirklichkeit durchlässig werden. Was ist Wirklichkeit? Was ist Wahrheit? Und was ist nur Vorstellung, Fantasie? Manchmal ist es einfacher und angenehmer, auf die Unterscheidung von realer und nur vorgetäuschter, erfundener Wirklichkeit zu verzichten.
Gleichsam jahreszeitlich bedingt öffnet sich um Weihnachten herum die Alltagswirklichkeit für eine eigene Art von virtueller Welt. Engelsgesang und Kerzenschein legen einen mystischen Glanz über die Welt und lassen sie in anderem Licht erscheinen. Zahlreiche Weihnachtsgeschichten bezaubern durch die Zuversicht, auch Menschen mit einer harten Schale könnten sich auf einmal als warmherzig erweisen. Menschen lassen sich verführen, für eine kleine Weile der Sehnsucht nach einer friedlichen Welt oder auch der Sehnsucht nach einer ganz anderen Welt nachzugeben.
An Weihnachten geschieht gleichsam kollektiv – öffentlich und gemeinsam –, was sonst eher privat und individuell geschieht: ein versuchsweises, spielerisches Eintreten in religiöse Vorstellungswelten. Ganz sicher ist man nicht, aber: Möglicherweise täte es ja gut, religiös zu sein? Ein Buchtitel fasst das etwas unentschlossene Sich-Einlassen auf Religion in die Worte: „Ich wünschte, ich wäre gläubig, glaub’ ich“. Warum nicht ein wenig mit der positiven Wirkung spiritueller Energien jonglieren? Nützt es nichts, so schadet es doch nicht. Ein bisschen Verzauberung des Lebens ist allemal gewonnen, und die ist willkommen.
Die Weihnachtsbotschaft stiftet in diese religiösen Suchbewegungen jedoch eine gegenläufige Unterbrechung ein.
Die Geschichte von einem Kind, das ohnmächtig und schwach durch eine geheimnisvolle Herkunft von „woanders her“ in diese Welt etwas wundersam Neues und Heiles bringt, zieht in den Bann. Das wäre ja nicht nur ein Spielen mit religiösen Möglichkeiten, die zu erwecken vielleicht noch besondere Begabungen und Fertigkeiten voraussetzen würde. Wenn es wahr wäre, dass Gott selbst Mensch geworden ist, dann wäre das Menschsein mit göttlicher Zärtlichkeit aufgehoben und unendlich gewürdigt. Es müss-te nicht erst in religiöser Inszenierung spirituell aufgeladen werden. Nicht der Mensch müsste sich noch zu Gott aufschwingen, wenn Gott selbst käme, unaufdringlich, aber ganz menschlich nah. Begegnung mit ihm stünde offen.
Wer derart weihnachtlichen Gedanken Raum lässt, wird bald einmal in seinem Wirklichkeitssinn gefordert sein. Begegnung ist nicht wirklich ohne die Wirklichkeit des Begegnenden. So ist die Frage unausweichlich: Ist das nun eine virtuelle Welt von Geschichten, märchenhaft bezaubernd, aber nicht von der Art, dass sich Leben darauf aufbauen liesse? Oder ist in Wirklichkeit Gott mit uns?
Wenn Christen Weihnachten feiern, sprechen sie nicht in Möglichkeitsformen wie: „Es wäre schön …“, „wir müssten versuchen …“, „es könnte noch irgendwie Sinn machen …“.
Die Botschaft von Weihnachten lautet: „Ein Kind ist uns geboren!“ – „Gott ist Mensch geworden.“Â
EVA-MARIA FABER
Eva-Maria Faber ist Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Theologischen Hochschule Chur. Am 19. November 2007 hat Bischof Vitus Huonder sie zur Rektorin der Hochschule ernannt.