Von Nachtpendlern und Weihnachten
Normalerweise ist das streng verboten und wird strafrechtlich verfolgt. Hier werden wir dazu aufgefordert: zum Downloaden eines Liedes aus dem Internet.
Denn „Nach Gulu“ – im Original natürlich, wie alles von BAP im kölschen Dialekt – will nicht nur auf eine Katastrophe hinweisen, die sich Nacht für Nacht in Uganda ereignet, sondern es will zugleich helfen.
Zum Hintergrund des Liedes: Wie an so vielen Orten in Afrika sind auch in Uganda sogenannte Rebellenarmeen unterwegs, um insbesondere Kinder zu entführen und zu zwingen, sich als Kindersoldaten an ihren Gewaltorgien zu beteiligen. So werden elf- und zwölfjährige Jungen vor die entsetzliche Alternative gestellt, entweder selber umgebracht zu werden oder andere umzubringen – möglichst ein nahe stehendes Familienmitglied. Denn auf diese Weise ist den Kindern die Rückkehr in die eigene Familie dauerhaft versperrt, und sie sind noch besser missbrauchbar für die verbrecherischen Pläne der „Armee“.
Die Hilfsorganisation Worldvision hat in Gulu eine Übernachtungsmöglichkeit eingerichtet, wo Kinder unter Soldatenschutz die Nacht verbringen und schlafen können. Diese Hoffnung „auf eine sichere Nacht“ setzt ganze Nachtpendlerzüge in Bewegung: Kinder, die aus ihren Heimatdörfern Nacht für Nacht viele Kilometer laufen, um in Gulu – sicher vor Ermordung oder Entführung – schlafen zu können. Wenn sie am nächsten Morgen den Heimweg antreten, tun sie das grundsätzlich in der Ungewissheit, ob ihre im Dorf zurückgebliebene Familie überhaupt noch lebt oder einem nächtlichen Überfall zum Opfer gefallen ist.
Wer dieses Lied aus dem Internet herunterlädt (es befindet sich auf keiner CD), darf das gratis tun, wird aber dringend gebeten, im Gegenzug grosszügig für das Gulu-Projekt von Worldvision zu spenden. Wer also zu Weihnachten oder auch noch später eine sinnvolle und lebensrettende Arbeit unterstützen will, hätte hier eine gute Möglichkeit.
Aber das ist natürlich nicht der einzige Grund, warum ausgerechnet auf dieses Lied in einer vorweihnächtlichen forum-Ausgabe hingewiesen wird. Sondern das Motiv der Nachtpendler enthält mehr von Weihnachten, als wir uns das in unserer Stille-Nacht-Heilige-Nacht-Mentalität vorstellen.
Denn wenn wir den Christbaum mal ein bisschen zur Seite räumen, um dahinter schauen zu können, wenn wir die Geschenke mal herunter schieben von der Bibel und ihren Weihnachtsgeschichten, um sie aufschlagen zu können, dann stellen wir fest: Das ganze Geschehen rund um Weihnachten ist eine einzige Nachtpendelei.
Kaum weiss Maria von ihrer Schwangerschaft, macht sie sich auf den beschwerlichen Weg durchs judäische Bergland zu ihrer Verwandten Elisabeth – und das war kein Katzensprung.
Die Hochschwangere muss mit ihrem Mann Josef von Nazareth nach Bethlehem laufen, weil der Herr der damaligen Welt, Kaiser Augustus, eine Volkszählung befohlen hat. Auch das ist nicht nur ein Steinwurf.
Und kaum ist das Kind geboren, ist es schon auf der Flucht. Denn sonst wäre es ermordet worden von den Schergen des Herodes. Der einzige Ausweg: die Flucht.
Und das sind nur die aussagestärksten Beispiele. Da sind noch viel mehr Pendler unterwegs an und um Weihnachten.
Beschwerliche Wege, unfreiwillige Wege, Fluchtwege – das alles gehört wesentlich zu den biblischen Weihnachtsgeschichten dazu. Ohne diese Weg-Geschichten wäre die Weihnachtsgeschichte nicht dieselbe und wäre sie vor allem um vieles ärmer.
Denn das ist die andere Seite all dieser Weg-Geschichten: So beschwerlich, so unfreiwillig, so panisch sie alle sein mögen – kein einziger Weg erweist sich im Nachhinein als Irrweg, als falscher Weg, als Sackgasse. Jeder dieser Wege bedeutet neue Kraft und den Beginn einer Zukunft. Jeder dieser Wege bedeutet Hoffnung und Leben.
Ob nach Gulu, nach Bethlehem oder wohin auch immer. Ich wünsche uns allen in diesen Tagen vor Weihnachten, dass unsere Wege uns ans Ziel bringen.
INGO BÄCKER