Liebe Leserin, lieber Leser
Weihnachten ist ein Fest, an dem man eigentlich nur scheitern kann. Die Familie muss glücklich vereint sein, das Essen exquisit, die Geschenke passend, die Stimmung andächtig, der Gottesdienst feierlich. Kein anderer Tag im Jahr ist mit so hohen Erwartungen verbunden und für keinen anderen betreiben Leute einen solchen Aufwand und scheuen weder Einkaufsstress noch Kosten. Ich will nun nicht das ewig gleiche Lied singen, dass Konsum keine Herzenswärme ersetzt, dass man religiöse Gefühle nicht kaufen kann, dass, wer sich durchs ganze Jahr hindurch nichts zu sagen hat, an Weihnachten nicht plötzlich die perfekte Familie spielen kann, und so weiter. Darauf will ich gar nicht hinaus.
Vielmehr frage ich mich, ob nicht gerade in solchem Scheitern etwas tief Weihnächtliches liegt. All die Wünsche, die nicht in Erfüllung gehen, alles, was missrät, was wir nicht zustande bringen – an Weihnachten wird es uns schmerzlicher bewusst als sonst. Doch macht uns gerade das vielleicht erst empfänglich für die Zusage, die in den Namen des Christuskindes liegt: Gott rettet („Jeschua“) und ist mit uns („Immanuel“), wie erbärmlich unser Leben auch immer aussehen mag.
„Einmal im Jahr diese Erwartung in sich fühlen“, sagte Rilke über Weihnachten, „dieses feste, durch nichts enttäuschbare Anrecht fühlen, dass unsere grössten Wünsche, wenn wir sie nur richtig ins Herz fassen, nicht unerfüllt bleiben können, dass wir gar keinen Moment den Wunsch, sondern eigentlich schon immer die kleine Erfüllung in uns tragen.“ In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, nicht ein perfektes Weihnachtsfest, aber eines, an dem „kleine Erfüllungen“ Ihrer grössten Wünsche geschehen.
JUDITH HARDEGGER