Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 26, 2007 Heiligabend im Hauptbahnhof
Aus dem Tagebuch eines Bahnhofseelsorgers

Heiligabend im Hauptbahnhof

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Ich lese noch einmal mein am Vortag verfasstes Weg-Wort zu Weihnachten durch. Da ist eine Stelle etwas holprig, dort ein Satz leicht missverständlich. Ich schreibe noch drei Segensworte auf, die den Hauptgedanken erneut aufgreifen. Denn das Weg-Wort der Bahnhofkirche soll ja nicht nur zum Nachdenken anregen, sondern auch ein kurzer spiritueller Impuls und Segen sein auf den Weg in den Alltag.
Jetzt bleibt etwas Zeit, bis der Zug im Hauptbahnhof hält und ich die Bahnhofkirche für die erste Weg-Wort-Andacht um 7.00 Uhr öffne. Heute, am Heiligabend, sind nicht alle Plätze im Zug besetzt. Die Mitfahrenden, ohne Ausnahme, sind wie jeden Morgen in ihre Gratiszeitung vertieft. Dennoch erscheint mir die Atmosphäre ruhiger als sonst, fast besinnlich … Oder ist das vielleicht nur meine eigene weihnächtliche Stimmung, die ich unwillkürlich über meine Umwelt ausbreite? Beeinflusst meine aktuelle Stimmung unbewusst auch meine Wahrnehmung der Dinge und Menschen um mich? Und das vielleicht immer, sofern ich sie mir nicht bewusst mache? Was bedeutet das für mein tägliches Denken und Handeln? Neugierig geworden, notiere ich mir diese Fragen noch schnell, bevor der Zug hält.
Kaum öffnet sich die Tür, drängeln sie raus, hetzen zur Rolltreppe, da jemanden überholend, dort einen Meter gewinnend. Auf der für sie rollenden Treppe bleibt der ganze Menschenpulk für eine Weile dicht gedrängt stehen, um dann wieder auszuschwärmen, die eine oder andere Sekunde sparend, bis zur nächsten Rolltreppe. Mir wird es zu eng in diesem Gedränge. Ich setze mich ab vom Strom der eilenden Menschen, warte eine halbe Minute, bis der Spuk vorbei ist, und bewahre mir meine weihnächtlich besinnliche Stimmung.
Ich beschliesse das knapp fünf Minuten dauernde Weg-Wort in der Kapelle mit dem Segen. Eine Frau, die gerade eine Kerze anzündet, deutet mir, dass sie mit mir reden möchte. Im Gesprächsraum erst erkenne ich sie wieder.
Sie hatte vor einigen Wochen das Gespräch gesucht, weil sie in einer familiären Angelegenheit nicht mehr weiter wusste. Jede Weihnachten treffen sich jeweils die Familien ihrer Geschwister reihum. Seit einigen Jahren lagen zwei Familien miteinander im Streit. Alle wussten es, niemand aber sprach darüber. So wurde immer nur entweder die eine oder die andere Familie eingeladen, nie beide zusammen. Diese Weihnachten war die Reihe an ihr. Sie konnte und wollte sich aber nicht für eine der beiden Familien entscheiden. Denn sie mochte beide. Alle Versuche zu vermitteln waren immer wieder gescheitert. Sie war verzweifelt, denn der Zusammenhalt in der Familie war für sie etwas vom Wichtigsten in ihrem Leben.
Im Verlauf des Gespräches entdeckte sie, dass sie in dieser Angelegenheit ihren eigenen Gefühlen bisher zu wenig Beachtung geschenkt hatte. Es ging ihr immer um die anderen. Sie beschloss darum, beiden Familien erstmals ihre persönliche Zuneigung, aber auch ihre Verzweiflung mitzuteilen, und dass sie ihren Streit respektieren, aber nicht verstehen könne. Deshalb lade sie beide zur Weihnachtsfeier ein, in der Meinung, dass es an ihnen sei, eine Lösung zu finden.
Voll Freude teilt die Frau mir jetzt mit, dass die Streithähne erstmals seit Jahren wieder miteinander gesprochen und beide die Einladung angenommen haben. Sie hat aber noch gewisse Ängste, ob das in der Feier morgen auch gut geht. Wir besprechen ihre Befürchtungen, die möglichen Szenarien und ihre persönliche Haltung, die sie morgen einnehmen will. Zum Schluss bittet sie mich, für ein friedliches Weihnachtsfest ihrer Familien gemeinsam mit ihr zu beten. Das gebe ihr Kraft, Mut und Zuversicht.

Das letzte Weg-Wort um halb neun Uhr ist vorüber. Gemeinsam mit der freiwilligen Mitarbeiterin stellen wir den Weihnachtsbaum auf und schmücken ihn mit einer Lichterkette. Den weiteren Schmuck übernehmen ab jetzt die Besucherinnen und Besucher der Bahnhofkirche selber. Nicht mit Kugeln, Lametta und Ähnlichem. Für sie liegen leere Kärtchen mit Aufhängern und Bleistifte bereit. Alle sind eingeladen, auf eines der Kärtchen ein gutes Wort, einen Wunsch für die Welt, für die Menschheit zu schreiben und damit den Weihnachtsbaum zu schmü-cken. Er soll so zu einem sichtbaren Symbol der frohen Botschaft Gottes und des guten Willens vieler Menschen werden. Ich freue mich jetzt schon auf die vielfältigen Wünsche und auf das einmalige, beeindruckende Bild des grünen Baumes mit den Hunderten weisser Kärtchen. Was schreibe ich in diesem Jahr auf mein Kärtchen?

Der Spaziergang zum Postfach – seit dem Baubeginn des neuen Tiefbahnhofes Löwenstrasse drüben bei der Sihlpost – ist ein erster, willkommener Anlass, aus den Tiefen der Bahnhofkirche ans Tageslicht aufzutauchen. Ich geniesse diesen Moment jeweils.
Da höre ich aus einem Häuschen des Weihnachtsmarktes die Stimme eines Mannes: „Sind Sie nicht der Pfarrer von da unten!? Fast in jeder Pause sitze ich in der Kapelle. Da habe ich Sie schon gesehen. Die Kapelle tut mir einfach gut“, fährt der Mann fort, „da komme ich zur Ruhe, finde Kraft und neuen Mut. Wissen Sie, meine Frau ist mir vor einem halben Jahr gestorben. Wir waren oft zusammen hier. Wenn ich heute da sitze, fühle ich mich ihr nahe. Aber vor heute Abend graut mir. Die ersten Weihnachten ohne sie!“ Er hält kurz inne, wischt sich eine Träne weg. „Meine Tochter hat mich eingeladen. Ich kann bei ihr auch übernachten. Das ist lieb von ihr. Aber ich weiss nicht, ob ich das durchstehe ...“ Neue Kundschaft unterbricht ihn. Er verabschiedet sich mit den Worten: „Wenn es reicht, schaue ich später noch bei Ihnen vorbei.“

In der Querhalle des Bahnhofes steht seit heute früh eine Tafel mit einem Plakat, das auf unsere „Weihnachtsgeschichten im Hauptbahnhof“ hinweist. Von 14 Uhr bis Mitternacht lesen zu jeder vollen Stunde bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten in der Kapelle ihre Lieblings-Weihnachtsgeschichte vor, berichten von einem eigenen Weihnachtserlebnis oder erzählen eine selbst verfasste Geschichte. Auf dem Plakat stehen die Namen, wer wann liest. Auf der grossen Videowand läuft heute unser Spot „Weihnachtsgeschichten im Hauptbahnhof“ – ungefähr alle zehn Minuten.
Ich beobachte eine Weile die Menschen, die an der Plakattafel vorbeigehen. Keiner schaut hin, niemand nimmt sie wahr. Doch jetzt – ein junger Mann stockt seinen eiligen Schritt und wendet sich zum Plakat zurück. Etwas muss ihm beim Vorbeigehen ins Auge gestochen sein. Er liest einen Moment, lächelt und geht weiter – nun auf einmal ruhigen Schrittes. Ich wundere mich, was ihn so überrascht innehalten und eine ruhigere Gangart einschalten liess – und das mitten in der vorweihnächtlichen, hektischen Geschäftigkeit des Hauptbahnhofes. Mein Wundern wandelt sich allmählich in eine leise Bewunderung. Ja, das wäre goldrichtig für unsere gestresste Zeit: mindes-tens einmal pro Stunde etwas, das uns ins Auge sticht, das uns in unserer Betriebsamkeit innehalten und die Gangart wechseln lässt. Ein interessanter, ein wichtiger Gedanke! Ich muss ihn ein andermal zu Ende denken. Meine Pause ist vorüber.

Es ist kurz vor Mittag. Eine Frau möchte dringend mit einem Seelsorger reden. Sie schämt sich. Redet nur ungern. Sie hat noch nie jemandem davon erzählt. Jetzt kann sie nicht mehr anders. Ihr Mann schlägt sie, immer wieder. Heute Nacht hat sie erstmals gespürt, dass er sie auch schwerer verletzen könnte. Sie schluchzt. Panische Angst überfällt sie, wenn sie daran denkt. Sie kann heute Abend unmöglich nach Hause gehen. Aber die Kinder? Soll sie mit ihnen ins Frauenhaus? Doch nicht ausgerechnet an Weihnachten! Das kann sie ihnen nicht antun! Er ist ja ein guter Vater – und eigentlich auch ein lieber Mann. Aber wenn er wütend wird, rastet er aus, wird er unberechenbar.
Sie hat Schmerzen von den Schlägen. Sie war noch nie beim Arzt deswegen. Nach einigem Zögern ist sie bereit, sich vom Hausarzt untersuchen zu lassen und ihm die Wahrheit zu sagen. Er kennt auch ihren Mann gut. Sie ruft ihn an und teilt ihm stockend mit, um was es geht. Mit ihrem Einverständnis möchte der Arzt auch mit mir reden. Er weiss nicht, wie er sich verhalten soll und möchte nach dem Untersuch mit der Frau bei mir vorbeikommen, um gemeinsam das weitere Vorgehen zu besprechen. Die Frau ist erleichtert. Beim Aufstehen sagt sie: „Eigentlich liebe ich meinen Mann sehr, aber …“ Dann weint sie wieder.

Vor der Kapelle bis hin zum Wartsaal stehen Tische und Bänke bereit für alle, die jetzt noch unterwegs sind. Sie laden ein zum gemeinsamen Essen und Trinken, zum Plaudern oder einfach zum Verweilen. Auf jedem Tisch brennt eine Kerze der Bahnhofkirche mit den Symbolen der fünf grossen Weltreligionen. Nüsse, Mandarinen und etwas Tannenreisig lassen eine weihnächtliche Stimmung aufkommen. Im Wartsaal ist ein Buffet hergerichtet mit einer warmen Suppe, mit Brot, Wasser, Kaffee und Tee. Wer möchte, wird hier gratis bedient. Bei Ladenschluss erhalten wir von zwei Läden Esswaren, die sonst verderben würden. Von einigen Marktständen werden uns Geschenke zum Weiterschenken gebracht.
Markus Arnold, Theologe und Politiker, erscheint, um seine eigens für diesen Anlass verfasste Weihnachtsgeschichte vorzulesen. Sie handelt von Jesus, der es an der Zeit findet zu prüfen, ob die Menschen reif wären für seine Wiederkunft. Er beginnt seine Erdenreise diesmal in der Schweiz, wohlweislich heute am Heiligabend – in der Hoffnung, dass die Menschen an diesem Tag besonders bereit und offenherzig seien. Die Zuhörerinnen und Zuhörer füllen fast die ganze Kapelle. Wir sind alle überrascht, dass die Erzählung uns zum Schluss in diese Kapelle führt und uns gemeinsam mit dem Erzähler unvermittelt zu Akteuren in der Geschichte werden lässt. Es herrscht einen Moment lang betroffene Stille. Wir spüren, diese Geschichte hat ganz konkret und direkt etwas mit uns zu tun: Wie wir Weihnachten nicht nur feiern, sondern für uns und andere Wirklichkeit werden lassen – nicht nur heute, am Heiligabend, sondern jeden Tag, das ganze Jahr über.

Die Frau ist zurück vom Untersuch. Ihr Hausarzt begleitet sie. Wir besprechen alle Möglichkeiten, wie es weitergehen könnte. Unter anderem weise ich auf das Mannebüro hin, eine Fachstelle für Männer mit Gewaltproblemen. Die Frau hört erstmals davon. Sie glaubt, ihr Mann würde da hingehen, wenn der Arzt ihm dies nahelegt. Am Telefon erklärt sich der Mann bereit, die ganze Angelegenheit mit seiner Frau und dem Hausarzt in seiner Praxis zu besprechen. Beim Abschied meint die Frau: „ Ich liebe ihn trotz allem – und jetzt bin ich zuversichtlich.“

Eine Gruppe Punks sitzt schon seit längerer Zeit an einem der Tische. Sie führen angeregte Gespräche, lachen viel und geniessen zwischendurch Suppe und Getränke. Sie könnten sich jetzt gerade keine schöneren Weihnachten vorstellen, meinen sie. Das sei genau das Richtige für sie.
Gegen 23 Uhr erscheint der Stadtpräsident, um seine Geschichte vorzulesen. Die Kapelle ist brechend voll. Auch die meisten Helferinnen und Helfer sind dabei. Nur zu zweit betreuen wir draussen die Tische und das Buffet. Wir haben alle Hände voll zu tun. Wartsaal und Tische sind fast alle belegt. Das ist viel für diese Zeit. Es ist nicht so kalt. Dann bleiben die Leute länger. Insgesamt waren es bis jetzt wieder über sieben Hundert, wie jedes Jahr. Bis 20 Uhr sind es jeweils vorwiegend Pendlerinnen und Pendler. Nachher sind die Einsamen zunehmend in der Mehrheit. Sie schätzen es, dass sie hier in ihrer Einsamkeit nicht gestört werden und trotzdem irgendwie dazugehören. Andere nutzen die Gelegenheit zum Gespräch, zum Erzählen, zum Diskutieren. Einige ärgern sich jetzt über sich selber, dass sie die Weihnachtsgeschichte des Stadtpräsidenten verpasst haben, als mein Kollege von seiner Erzählkunst schwärmt. Die Punks fragen, ob sie die brennende Kerze mitnehmen dürfen.

Die übrig gebliebenen Brote schichten wir auf die Bank vor der Kapelle. Morgen, am Heiligtag, wenn ich die Kapelle wieder öffne, wird keines mehr da sein, wie jedes Jahr. Wir haben jetzt über eine Stunde aufgeräumt und geputzt. Es geht gegen halb zwei. Ich bringe meine Kolleginnen nach Hause. Auf dem Rückweg fahre ich am Walcheturm vorbei. In der Vorhalle etwas geschützt sitzen die Punks im Kreis, in ihrer Mitte die brennende Kerze der Bahnhofkirche – fast ein Krippenbild! Mir scheint, hier würde sich Jesus beim Prüfen, ob die Menschen heute reif sind für seine Wiederkunft, einfach dazusetzen.

TONI ZIMMERMANN

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Toni Zimmermann ist seit der Gründung der Zürcher Bahnhofkirche 2001 Seelsorger im Hauptbahnhof. FOTO: CHRISTOPH WIDER
Weihnachten in der Bahnhofkirche

Die Seelsorgerinnen und Seelsorger der Bahnhofkirche sind auch über die Festtage anwesend für persönliche Gespräche: an den Feiertagen jeweils von 10 bis 16. Uhr, an den Werktagen wie üblich von 7 bis 19 Uhr. Die Kapelle ist zu den gleichen Zeiten offen. Am Heiligabend, 24. Dezember, ist die Bahnhofkirche von morgens 7 Uhr bis nach Mitternacht geöffnet - für alle, die an diesem Tag noch unterwegs sind.


Weihnachten im Hauptbahnhof:

Ab 14 Uhr lesen zu jeder vollen Stunde bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten in der Kapelle ihre Lieblings-Weihnachtsgeschichte vor. Tische und Bänke vor der Kapelle laden ein für Gespräche danach oder dazwischen. Dazu gibt es Suppe und Getränke. Der genaue Vorlese-Zeitplan ist am 24. Dezember auf Plakaten im Hauptbahhof ersichtlich.


Die Bahnhofkirche befindet sich im 1. Untergeschoss (Zwischengeschoss) des Hauptbahnhofs, unter dem Engel.

FOTO: CHRISTOPH WIDER