SOS Narrenschiff
Wenn wir nicht höllisch aufpassen, erwischt uns die UNESCO doch noch und die „Römisch-katholische Kirche“ wird ins Inventar des Weltkulturerbes aufgenommen. Das wäre gleichbedeutend mit einer Einladung zur Abdankungsfeier, denn Weltkulturerbe zu sein, ist nur auf den ersten Blick eine erstrebenswerte Anerkennung, in Wahrheit aber Gift für jedes Standortmarketing. Selbst wenn die Touristen in Strömen strömen sollten, gefährden sie nämlich in erster Linie das Kulturerbe. Ein solches Erbe antreten hiesse Staub ansetzen, Zustände konservieren und Substanz erhalten statt erneuern. In der Berner Altstadt beschleicht mich jedenfalls hin und wieder der Verdacht, dass mit dem Erbe auch die Pflicht zur sanften Vernachlässigung und zur morbiden Schicksalsergebenheit verbunden ist.
Man hüte sich also vor der Nostalgiefalle, ob sie nun in tridentinischem Gewand, Vaticanum II-Veteranentum oder seliger Milieuromantik daherkommt. Selbst gestandene kritische Geister kriegen das Zittern in der Stimme, wenn sie von vergangenen Zeiten schwärmen, als die Kirche noch etwas darstellte. Und unvermutet herrscht seltsame Einigkeit von progressiv bis konservativ. Die Jugend, so wird gewettert, ist nicht mehr das, was sie einmal war. Entweder ist sie zu lau und zu wenig kirchentreu, oder sie ist zu lau und zu wenig kirchenkritisch, auf jeden Fall ist sie zu lau.
Die grösste Gefahr für die katholische Kirche ist aber nicht die laue Jugend, sondern der Hang zur Musealisierung. Und deshalb lauert ja auch das Weltkulturerbe. Noch können wir es abwenden. Aber wenn der Gottesdienst zur kulturellen Veranstaltung wird, Theologie zum wohltemperierten Pflichtfach und Nächstenliebe vom Soziologen-jargon weggespült wird, dann wird irgendwann die UNESCO auch an unsere Türe klopfen und das Ende verkünden.
Eintrag ins Logbuch: Wenn ich wählen dürfte, dann lasst uns in Freiheit und Vitalität altern und verschont uns davor, in einem Museum als kostbares Relikt konserviert zu werden.
THOMAS BINOTTO