Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 25, 2007 Offen für das Unerwartete
1. Adventssonntag (2. Dezember)

Offen für das Unerwartete

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In Jesu Rede über die Endzeit verwendet das Matthäusevangelium ein Bild, das mich unwillkürlich an Bilder erinnert hat, wie sie uns nach der Tsunami-Katastrophe gezeigt wurden: Dann, wenn die Flut hereinbricht über die nichts ahnenden Menschen, „wird von zwei Männern, die auf dem Feld arbeiten, einer mitgenommen und einer zurückgelassen. Und von zwei Frauen, die mit derselben Mühle mahlen, wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen.“ (Matthäus 24,40)
Menschen, die zuvor assen und tranken, die arbeiteten oder Ferien genossen, die im Alltagstrott lebten oder Zukunftspläne machten, wurden schlagartig herausgerissen aus der Normalität. Die einen riss die Flut in den Tod, andere kamen mit dem Leben davon – wie durch ein Wunder.
Aber nicht immer ist es ein derart gigantisches Ereignis, das Menschen herausreisst aus ihrer Normalität: Zwei junge Männer, die eine Klettertour machen, stürzen ab – der eine kommt um, der andere überlebt. In einem Leitungsteam von drei Frauen wird bei einer ein weit fortgeschrittener Krebs diagnostiziert – die anderen beiden bleiben mit der Arbeit zurück. In einem Schulhaus bricht eine der Lehrpersonen unter ihren Belastungen zusammen und verbringt danach Monate in einer psychiatrischen Klinik – die anderen arbeiten weiter.
Und manchmal kommen Menschen ganz knapp an solchen Katastrophen vorbei. So erinnere ich mich noch gut, dass mir einmal ein Auto mit hoher Geschwindigkeit über den Fuss gefahren ist – wäre ich auch nur 10 cm weiter gewesen, ich hätte es kaum überlebt.
Aus solchen einschneidenden Erfahrungen kann man unterschiedliche Schlüsse ziehen fürs Leben. Eine Möglichkeit ist es zu sagen: „Lasst uns das Leben geniessen, denn morgen sind wir (vielleicht) tot.“ Eine andere, sich möglichst abzusichern und alle Risiken zu vermeiden aus Angst und Sorge vor all dem, was passieren könnte. Wieder andere gehen rasch zur Tagesordnung über. Sie verdrängen solche Erfahrungen und tun so, als ob es sie nicht treffen könnte.
Die Konsequenz Jesu lautet: „Seid wachsam!“. Dieser im Neuen Testament häufig wiederkehrende Ruf zur Wachsamkeit ist aber nicht so zu verstehen, dass wir ängstlich auf der Hut sein sollen vor dramatischen Einschnitten oder vor dem Ende der Welt. Das würde nichts nützen, denn im gleichen Vers heisst es: „Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde“ und „der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“
Vielmehr gilt die Forderung „Seid wachsam!“ der Gegenwart: dem, was im Hier und Jetzt möglich und nötig ist. „Wachsam“ oder „achtsam“ sein heisst, das im Moment Wichtige zu erfassen und zu tun – und es weder verpassen noch verschieben.
Krisenerfahrungen, die fremdes oder eigenes Leben unerwartet und tief greifend verändern, konfrontieren uns schmerzhaft mit dem Verpassten, den nicht ergriffenen Chancen. Aber sie erinnern auch daran, dass heute der letzte Tag vom Rest unseres Lebens ist. Je mehr es uns gelingt, offen zu sein für die Gegenwart Gottes im Augenblick und je wacher wir sind für das, was im Hier und Jetzt nötig ist, desto vertrauensvoller können wir damit leben, dass die Zukunft nicht in unserer Hand liegt.

DANIEL KOSCH

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"Seid also wachsam!" Matthäus 24,42 FOTO: ARCHIV CHRISTOPH WIDER