Liebe Leserin, lieber Leser
Es ist wieder Zeit für religiöse Symbole: stimmungsvoller Lichterglanz, Engel in allen Variationen, Weihnachtsmusik, Weihrauchduft und Krippenfiguren. Einmal im Jahr könnte man meinen, der Glaube an Jesus Christus überflute und durchströme alles. Aber der fromme Realist knurrt: Da wird doch nur Weihnachtsstimmung und kein Weihnachtsglaube verbreitet, mit dem einzigen Ziel, das Fest von Christi Geburt als Garant für Umsatz zu missbrauchen.
Das wird wohl was dran sein. Dennoch bin und bleibe ich ein naiver Optimist, der nicht nur ans Christkind glaubt, sondern auch daran, dass dieses Christkind nach wie vor eine Kraft ausstrahlt, die tiefer reicht als bloss ins Portemonnaie, weiter greift als Geschäftsbilanzen und mehr bewirkt als ausgeleierte Klischees. Ich glaube immer noch unverzagt daran, dass man sich all die religiösen Symbole nicht straflos ins Schaufenster und ins Wohnzimmer stellt. Sie tun ihre Wirkung, selbst wenn man das gar nicht auf der Rechnung hat.
In der Adventszeit spüren wir, dass es auch im noch so rational durchorganisierten Leben Nahtstellen gibt, durch die eine ganz andere Wirklichkeit sichtbar wird. Nicht nur für Vollblut-Gläubige und nicht nur zur Weihnachszeit tauchen diese Nahtstellen auf. Momente, in denen uns schlagartig bewusst wird, dass es etwas gibt, was uns übersteigt, etwas, das all unsere Kategorien sprengt, etwas, das wir weder mit Worten noch mit Gedanken noch mit Wissen fassen können. Wir sind in diesem Heft solchen Nahtstellen nachgegangen: Geburt – Heirat – Tod. Es sind Augenblicke, in denen die Kirche und ihr Angebot nach wie vor gefragt sind. Auch von Menschen, die sonst ohne Kirche auskommen. Das ist kein Grund zum Jammern und Nörgeln, sondern zur Freude: Die Ankunft und Gegenwart Gottes ist offensichtlich mehr als eine geniale Marketingidee, die einmal im Jahr die Kassen füllt.
THOMAS BINOTTO