Kirchenmusik und Metaphysik
forum: Herr Moosmann, wenn Sie an das erste Festival vor zweieinhalb Jahren zurückdenken, woran erinnern Sie sich besonders gern?
Christoph Maria Moosmann: Am eindrücklichs-ten war sicherlich die Uraufführung von „Cinerum“ mit dem Hilliard Ensemble. Als es am Ende dieser Gesänge der Aschermittwochsliturgie hiess „Ite missa est“, antwortete der Komponist ganz alleine in die Stille hinein: „Deo gratias“. Manch einer im Publikum hatte in diesem Moment Tränen in den Augen, und das gibt es bei Neuer Musik nun wirklich selten.
Auf der Festival-Homepage fällt das Grusswort des Dalai Lama auf. Wie sind Sie zu diesem gekommen?
Viele Europäer sympathisieren heutzutage mit dem Buddhismus. Einige sind auch Buddhisten geworden. Doch gerade der Dalai Lama lehrt uns, jeder solle bei seiner Religion und bei seiner Tradition bleiben. Dieser Gedanke ist auch Ausgangspunkt des Festivals. So haben wir ihn gebeten, sich zum Festival zu äussern.
Denken Sie, dass Musik zur interreligiösen Verständigung beitragen kann?
Musik ist eine Sprache, die nicht an Worte gebunden ist. Insofern kann sie Menschen verschiedener Kulturen verbinden. Darüber hinaus, glaube ich, gibt es etwas spezifisch Spirituelles oder Sakrales in der Musik. Denken Sie nur an östliche Mantren oder den gregorianischen Choral. Das sind Formen zwischen Gebet und Musik und somit in gewisser Weise auch ohne sprachliches Verständnis erfahrbar.
Das diesjährige Festival orientiert sich thematisch am 8. Dezember, an dem Mariä Unbefleckte Empfängnis wie auch Buddhas Erleuchtung gefeiert werden. Sehen Sie da einen Zusammenhang?
Auf jeden Fall! Ähnlich wie Buddha seinen Geist und seinen Leib durch Meditation und Askese vorbereitet hat, sich dem Transzendenten zu öffnen, hat Gott Maria „als Wohnstatt bereitet“, wie es in der Liturgie mehrfach heisst, um das göttliche Wort zu empfangen. Darüber hinaus entspricht dem katholischen Dogma, dass Maria von allem Anfang an „unbefleckt“ sei, die buddhistische Erfahrung, dass Erleuchtung als Wiederentdecken eines Zustands erfahren wird, der latent immer schon da ist. Beide Feste zielen auf das Innerste der Seele, das zu keiner Zeit von Sünde und Schuld, von Maya oder Samsara, „befleckt“ ist. Es geht also primär nicht um verschiedene historische Ereignisse, sondern um den inneren Entwicklungsweg eines jeden Menschen.
Sind Sie durch Ihr Interesse an religiösen Themen zum Orgelspiel gekommen oder hat umgekehrt Ihr Orgelstudium zur Auseinandersetzung mit Religion geführt?
Beides bedingt sich gegenseitig. Mein Interesse an der Kirchenmusik ist schon familiär angelegt. Mein Vater war nebenamtlicher Organist und Chorleiter. Als es um die Berufswahl ging, kamen für mich zwei Studien in Frage: theoretische Physik und Mathematik oder Kirchenmusik. Bei beidem ging es mir aber im Grunde ums Gleiche: um letzte und tiefste Zusammenhänge, um Metaphysik.
Auch im Festival begegnen sich Musik und Mathematik. „Inner time“ von Horatiu Radulescu beruht ausschliesslich auf dem Goldenen Schnitt und der Fibonacci-Reihe. Da ist keine Note willkürlich gesetzt, sondern alle widerspiegeln diese allgemein gültigen Proportionen. Ausserdem basiert das Stück auf den harmonikalen Teiltönen eines einzigen Klangspektrums, es ist also Entfaltung eines einzigen Klanges.
Im Festival-Programm ist „Inner time“ das letzte Stück einer Dreiheit. Wie hängt es mit den andern beiden zusammen?
Den Anfang macht „Superverso“, ein deftiges, erdiges Orgelwerk, bei dem archaische, zyklopische Klangmassen zum Vorschein kommen. In der Mitte steht John Taveners „Immaculata“, die das Herz, die Empfindung und das Gemüt anspricht. Der erwähnte dritte Teil schliesslich versinnbildlicht durch seine abstrakte Konstruktion reinen Geist. Es ist also der Dreischritt Körper – Seele – Geist symbolisiert.
Höhepunkt ist die Uraufführung der von Sir John Tavener eigens für das Festival komponierten Messe. Was ist das Besondere dieses Werkes?
Wenn ein Musiker von „Messe“ spricht, meint er damit die fünf Teile des Ordinariums: Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus/Benedictus und Agnus Dei. Beim ersten Festival gingen wir bereits einen Schritt weiter, indem in Radulescus „Cinerum“ neben dem Ordinarium auch das Proprium vertont wurde, also diejenigen Teile der Messe, die je nach Anlass verschieden sind: Introitus, Graduale, Alleluja, Offertorium und Communio. In der „Sollemnitas in Conceptione Immaculata B. M. V“ von John Tavener wurde erstmals die Messe in ihrer Gesamtheit vertont: Es handelt sich um die erste in symphonischen Dimensionen durchkomponierte lateinische Messe der Musikgeschichte. Die zweite Besonderheit sind die „divine echoes“: Dem Geschehen am Altar gegenüberliegend, auf der Empore, singt eine Sopranistin Texte in Sanskrit, in indianischen Sprachen, auf Aramäisch oder Arabisch. Wenn es also beispielsweise in der Liturgie heisst „pax Domini“, singt die Sopranistin „shanti“. So kann Musik auf ganz einfache Art und Weise intuitiv interreligiöse Aussagen machen.
Was ist diese Uraufführung in erster Linie: Konzert oder Gottesdienst?
Im Idealfall beides: die Identität von Liturgie und Kunst, von Musik und Religion. Ursprünglich war vorgesehen, dass ein katholischer Priester mit der Gemeinde diese Messe auch zelebriert. Das ist leider aus verschiedenen trivialen Gründen nicht möglich. Zum Beispiel deshalb, weil nach Kirchenrecht für Gottesdienste kein Eintritt erhoben werden darf und viele Stiftungen nur dann zahlen, wenn eine gewisse Eigenfinanzierung gesichert ist.
Moderne klassische Musik, die das Festival prägt, ist meist sehr anspruchsvoll. Wie findet man den Zugang dazu?
Auf dem Festival gibt es nicht nur Schwieriges zu hören. Taveners Messe ist wunderschöne, harmonische Musik, die jedem zugänglich ist. Bei anderen Konzerten gilt es, die Vorstellung, wie Musik zu sein habe, hinter sich zu lassen und einfach hinzuhören. Man darf auch nicht mit der Erwartung ins Konzert gehen, es müsse einem gefallen und man müsse es auf Anhieb verstehen, genauso wenig wie jemand erwarten kann, eine Differentialgleichung zu verstehen, wenn er sich nicht viele Jahre mit Mathematik auseinandergesetzt hat.
Muss Musik nicht vor allem schön sein?
John Tavener ist bestimmt dieser Meinung, und zwar deshalb, weil das Wahre, das Gute und das Schöne göttliche Eigenschaften sind. Daneben gibt es aber eine andere Position, die besagt: Angesichts der Gebrochenheit der Welt, angesichts des Leidens in der Welt kann Musik gar nicht schön sein, sonst wäre sie „zu schön, um wahr zu sein.“ Ich persönlich kann beide Positionen nachvollziehen.
Wird das, was für uns noch fremd klingt, den Menschen in hundert Jahren so harmonisch und verständlich vorkommen wie uns heute Bach oder Mozart?
Nicht erst in hundert Jahren, dieser Prozess ist bereits im Gang. Heute schon spricht man vom Altern der Neuen Musik. Was vor zwanzig, dreissig Jahren noch als schlimmste Provokation empfunden wurde, erscheint uns heute als völlig normal.
Sie fordern für das Festival ein hohes künstlerisches und intellektuelles Niveau. Wird das nicht ein etwas elitärer Anlass? Was für ein Zielpublikum haben Sie im Visier?
Jemand, der sich nicht besonders anspruchsvoll zeigt, wird doch immer und überall bedient. Da darf es auch mal etwas Anspruchsvolleres geben. Daran lässt sich auch die Qualität einer Gesellschaft ablesen: Wie sie mit den Begehren auch einer anspruchsvollen Minderheit umzugehen versteht. Durch das Festival angesprochen sind Konzertgänger, also Leute, die etwas mit klassischer und Neuer Musik anfangen können, wie auch Leute, die etwas für Spiritualität übrig haben sowie natürlich auch kirchlich Interessierte, welche die nötige Offenheit mitbringen.
INTERVIEW: JUDITH HARDEGGER
festival religio musica nova
2. bis 9. Dezember 2007 in Zürich und Dübendorf Konzerte, Kolloquien, Partnerveranstaltungen
Tickets: www.kulturticket.ch
Alle Infos unter: www.religio-musica-nova.ch
Die Katholische Kirche im Kanton Zürich unterstützt das Festival mit 15 000 Franken.