Abseits der Hektik
Fast eine Stunde lang werden die Lieder geübt: kurze Refrains, die bald alle mitsingen können und die später dann mit Instrumenten und Solo-Stimmen über mehrere Strophen hin gesungen werden. Langsam füllt sich das Grossmünster in Zürich: Jugendliche, Firmgruppen, aber auch Familien mit kleinen Kindern und ältere Leute. Einige sind wohl selber schon nach Taizé gereist, viele haben vor dreissig Jahren Frère Roger erlebt, als er hier im Grossmünster war. Seither hat eine kleine Gruppe unentwegt und ohne Unterlass immer am Freitag in der Krypta des Grossmünsters ein Taizé-Gebet durchgeführt. Das Wort von Frère Roger berührt offensichtlich die Menschen nach wie vor: „Wir wollen hier, in der Gegenwart Gottes, uns selber sein und nicht ein anderer.“ Bruder Bruno, der zusammen mit Bruder Richard aus Taizé gekommen ist, erinnert in einem der drei Workshops, die an den Gottesdienst anschliessen, daran. Tausende Jugendliche suchen dieses „sich selber Sein vor Gott“ Jahr für Jahr an den grossen europäischen Taizé-Jugendtreffen. Dieses Jahr wird es erstmals in der Schweiz, in Genf, stattfinden. Die „Nacht der Lichter“ in Zürich und in vielen anderen Schweizer Städten will darauf hinweisen.
JUGENDTREFFEN IN GENF
„Wir wollen mit der Nacht der Lichter den Jugendlichen die Gelegenheit geben zu erleben, wie so ein Gottesdienst ist“, erklärt Silvia Gruden-Ihle von der Jugendseelsorge Zürich. Zusammen mit der Grossmünstergemeinde, der katholischen Jugendkirche Zürich, der Kryptagruppe Grossmünster und der reformierten Fachstelle Kirche und Jugend hat sie den Gottesdienst organisiert. „Wir werden auch aus Zürich ans Jugendtreffen vom 28. Dezember bis 1. Januar 2008 in Genf reisen“, fährt sie fort. „Wir hoffen sehr, dass dieser Anlass nicht nur in der Westschweiz, sondern auch bei uns wahrgenommen wird.“ Rund 40 000 Jugendliche werden in Gastpfarreien und -familien rund um den Genfersee über Neujahr erwartet.
Mit einem mehrsprachigen Segen eröffnet Käthi La Roche, Pfarrerin am Grossmünster, das Gebet in Zürich und heisst die Anwesenden auch im Namen der beiden Schwesterkirchen des Kantons herzlich willkommen. Pfarrer Ruedi Reich, Kirchenratspräsident der evangelisch-reformierten Zürcher Landeskirche, und Weihbischof Paul Vollmar, Generalvikar der katholischen Kirche im Kanton Zürich, drücken in einer Grussbotschaft ihre grosse Freude über den Anlass aus. Sie wünschen sich, dass das Nebeneinander verschiedener Kulturen und Religionen auch in Zürich „immer mehr zu einem Miteinander werde“. Dazu diene auch das jährliche Taizé-Jugendtreffen, das ein Pilgerweg des Vertrauens und der Versöhnung sein wolle.
MEDITATIVE FEIER
„Die Taizé-Lieder sind schon viel schöner als jene, die normalerweise im Sonntagsgottesdienst gesungen werden“, meinen zwei 14-jährige Mädels nach der „Nacht der Lichter“. Auch die beiden gleichaltrigen Jungs fanden den Gottesdienst nicht langweilig, obwohl hier alles andere als „action“ stattgefunden hatte. „Aber ab und zu für ein Gebet aufstehen oder niederknien wär nicht schlecht gewesen“, fügen sie an. Fast zwei Stunden zu sitzen ist für junge Fussballer halt doch anstrengend. Jedenfalls planen sie bereits auf der Heimreise mit ihrem Pastoralassistenten eine Reise nach Taizé. Auch Internet-, Fernseh- und Kinogeübte lassen sich noch von meditativen Liedern, Gebet und Kerzenlicht berühren.
BEATRIX LEDERGERBER-BAUMER