Zwischen Bibel und Alltag
Es ist Dienstagnachmittag, Ende Oktober, kurz vor 14 Uhr. Draussen zeigt sich der Herbst von seiner garstig-kalten Seite. Doch drinnen im Obergeschoss der im Jahre 1990 eingeweihten Kirche St. Franziskus in Ebmatingen verbreitet der Raum der Bibelgruppe eine wohltuende Wärme. Hier treffen sich seit dem 19. September 1996 alle vierzehn Tage – ausser in den Schulferien – einige Frauen mit Amanda Ehrler zu Bibelgesprächen. Auf dem dunkelgrauen Tisch brennt eine orange Kerze. Lia Del Grande, Romy Weibel, Ursula Ott, Silvia Assmann und Amanda Ehrler halten die Bibel bereits in den Händen. Sie begrüssen sich, erzählen spontan, was sie in den vergangenen zwei Wochen erlebt haben, und von dem, was sie gerade bewegt. Romy Weibel liest diesmal eine Stelle aus Lukas 13,1–9. Aufmerksam hören die Frauen den Text, werden still und tauschen anschliessend ihre Gedanken zum Gehörten aus. Amanda Ehrler erklärt einige Begriffe und leitet einfühlsam das Bibelgespräch.
INS GESPRÄCH KOMMEN
Zur Auswahl der Texte meint die Gemeindeleiterin: „Die Bibelstellen wählen wir meis-tens gemeinsam aus.“ So las die Gruppe schon die ganze Apostelgeschichte, das Buch Jona, die Gleichnisse, die Zehn Gebote oder die Schöpfungsgeschichte. „Es kamen aber auch schon Fastenopferthemen wie Arm und Reich zur Sprache“, betont Amanda Ehrler. Meditiert würden ab und zu auch Sonntagslesungen. Dabei werden auch stets Hintergrundsfragen zum Verständnis der Bibeltexte erörtert. Dies alles geschehe vorwiegend auf der verbalen Ebene. „Filme oder Videos habe ich noch nie eingesetzt, Bilder hingegen schon“, ergänzt Ehrler, „weil die Frauen in erster Linie miteinander ins Gespräch kommen wollen.“
WERTVOLLE STÜTZE
„Für mich ist diese Bibelgruppe eine wertvolle Stütze in der Pfarrei, weil ich davon sehr viel profitiere“, bekennt die Gemeindekoordinatorin. Für sie sei der soziale und menschliche Aspekt der Gruppe enorm wichtig. Denn: „Wir gehören alle zusammen, stützen einander und dies in guten wie in schlechten Zeiten.“ Nach der Motivation zum Mitmachen in der Bibelgruppe gefragt, sagt Ursula Ott: „Ich ging damals in die Bibelgruppe, weil ich mit der Bibel nicht viel anfangen konnte. Ich legte sie vielfach falsch aus, vor allem recht negativ.“ Ihr persönlich bringe diese Gruppe sehr viel. Seit einem halben Jahr macht auch Silvia Assmann in der Bibelgruppe mit. Da sie sich vor langer Zeit mit der Bibel befasste, seien da nur noch Bruchstü-cke davon vorhanden gewesen. „So wollte ich mich auch wegen meinem fünfjährigen Sohn Simon erneut in die biblischen Texte vertiefen, um eine Ahnung zu haben, wenn er mich etwas Konkretes fragt“, sagt die junge Mutter aus Binz.
Inzwischen ist es 15 Uhr geworden. Noch immer flackert die Kerze auf dem blauen Teller.
Die Frauen haben die Bibel auf den Tisch gelegt. Mit einem Gebet schliesst Amanda Ehrler die eindrückliche Bibelstunde. Es klopft an der Tür. Herein tritt der kleine Blondschopf Simon, der sich riesig freut, dass er seine Mami wieder herzen kann. In diesem Augenblick ist für Silvia Assmann die biblische Welt wieder zum realen Alltag geworden.
CHRISTIAN MURER
Auch in vielen andern Pfarreien des Kantons Zürich gibt es aktive Bibelgruppen und -abende, so zum Beispiel in Zürich-Seebach, in Birmensdorf oder in Illnau-Effretikon. In St. Josef Dietikon und in Bülach trifft sich in eine Gruppe regelmässig zum Bibellesen.