Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 24, 2007 Wie die Bibel geworden ist, was sie ist
Zur Entstehung des Kanons

Wie die Bibel geworden ist, was sie ist

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Die Bibel, so wie wir sie heute kennen, entstand nicht aus einem Guss. Über mehrere Jahrhunderte hinweg arbeiteten Menschen daran, indem sie Texte schrieben, sammelten, umgestalteten und auswählten.

„Die Bibel“ – diese Bezeichnung stimmt eigentlich nicht. Man müsste von „den Bibeln“ sprechen, und zwar aus zwei Gründen. Zunächst: Die Bibel gibt es nicht. Es gibt eine katholische, eine reformierte, eine orthodoxe, eine jüdische. Diese Bibeln unterscheiden sich im Umfang, enthalten nicht dieselben Schriften und variieren auch in den einzelnen Texten. Und zweitens: Der griechische Begriff „ta biblia“ bezeichnet einen Plural, nämlich „die Bücher“. Im Lateinischen wurde daraus fälschlicherweise ein Singular. Tatsache ist jedoch, dass die Bibel aus einer Sammlung von verschiedenen Büchern besteht und eigentlich eine Bibliothek darstellt. Wie kam es zu den uns vorliegenden Bibeln?
Die Israeliten waren ursprünglich ein Nomadenvolk. Sie erzählten abends am Lagerfeuer ihren Kindern die Geschichten von Noah, Abraham und Sara oder Mose und Mirjam weiter und hielten so ihr religiöses Erbe am Leben. Ab dem 9. Jahrhundert v.Chr. begannen sie allmählich, diese mündlichen Traditionen aufzuschreiben. Der vollständige Umfang der hebräischen Bibel mit den fünf Büchern Mose, den Propheten und den Schriften stand erst gegen Ende des ersten Jahrhunderts n.Chr. fest.

DAS NEUE TESTAMENT
Im frühen Christentum ereignete sich ein ähnlicher Prozess. Als heilige Schriften galten den Christinnen und Christen die jüdischen Texte. Doch allmählich wurden die mündlichen Traditionen über Jesus von Nazareth verschriftlicht und zusammen mit anderen Dokumenten, zum Beispiel den Briefen des Paulus, in den Gottesdiensten vorgetragen und gesammelt. Diese Textsammlungen unterschieden sich zunächst je nach Region und Gemeinde, bis man sich gegen Ende des zweiten Jahrhunderts n.Chr. auf eine Sammlung von 20 Schriften einigte. Das vollständige Neue Testament mit seinen 27 Schriften wird erstmals im Jahr 367 im so genannten „Osterbrief“ erwähnt.
Der Kanon, die Sammlung der „heiligen“ Schriften, ist demnach nicht eine autorita-tive Entscheidung von Synoden und Kon-zilien, sondern ein Produkt mehrerer „kanonischer“ Prozesse, die auf verschiedenen Ebenen über einen langen Zeitraum hinweg stattfanden. So zeigte sich beispielsweise, dass die Erinnerung an Jesus nicht in einem einzigen Einheitstext bewahrt werden konnte. Vielmehr machte die Kirche die vier Evangelien mit ihren unterschiedlichen Theologien und zum Teil sich widersprechenden Aussagen zum Kern ihrer heiligen Schriften.

FRAGEN HEUTE
Heute stellen sich in Bezug auf den Bibelkanon verschiedene Fragen. Wer waren die entscheidenden Personen, welche die Heiligkeit und die Verwendung von Texten festlegten? Wie gehen wir mit Schriften um, die ebenfalls sehr alt sind, regional als kanonisch anerkannt waren und dennoch nicht in die Bibel aufgenommen wurden, wie zum Beispiel das Thomasevangelium? Weitere Fragen werfen aber auch Gewalt, Sklaverei oder Frauenfeindlichkeit in den als „heilig“ anerkannten Texten auf.
Die kritisch-wache Auseinandersetzung mit „heiligen“ Texten, die Wahrnehmung der Bibel(n) in ihrer Vielfalt, mit ihren Widersprüchen und Herausforderungen und das Vertrauen auf eine inspirierte Glaubensgemeinschaft, die um ihre Schriften rang und noch immer ringt, kann der lebendigen und Leben spendenden Botschaft der Bibel nur dienlich sein.

EDITH ZINGG, HOCHSCHULSEELSORGERIN AKI

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