UNERSCHÖPFLICHE QUELLE
Die Bibel – vor allem das Neue Testament – ist seit den 70er Jahren meine wichtigste literarische Inspirationsquelle geworden.
Wenn ich mein Werkverzeichnis betrachte, stelle ich erstaunt fest, dass die meisten meiner Werke auf Texten der Bibel basieren. Dies trifft nicht nur auf geistliche Musik wie Chorwerke, Oratorien und Messen zu, sondern auch auf Instrumentalmusik für Klavier, Orgel und Orchester. Gerne verwende ich solche Texte in verschiedenen Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch, Lateinisch, selten sogar Griechisch. Der Bogen meiner Werke umspannt praktisch die ganze Bibel: Lieder der Liebe (nach König Salomon), Zu Babel ein Turm, Golgotha-Psalm, Emmaus, Parabel, Alpha et Omega, Magnificat, Nunc dimittis etc.
Aus Texten der Evangelien schöpfe ich den nötigen Mut zur Arbeit und den Glauben an die Vision des fertigen Werkes, und dies zu einem Zeitpunkt, da in meinem Kopf noch kein einziger Ton existiert. „Haltet euren Glauben fest! Was ich sage, ist wahr! Wer zu diesem Berg spricht: Hebe dich und stürze dich ins Meer!, und in seinem Herzen keinen Zweifel aufkommen lässt, sondern fest glaubt, dass er es tun wird, wird erleben, dass es tatsächlich so geschieht“ (Markus 11, 23).
CARL RÜTTI, KOMPONIST
Am 16. Februar 2008 findet in der Winchester Cathedral (England) die Uraufführung seines Requiems statt.
www.ruettimusic.ch
Zu meinen frühen Erinnerungen gehört eine alte, von zwei eisernen Riegeln zusammengehaltene Bibel im Haus meiner Gross-eltern. Es war kein Buch wie alle andern. Grossvater hatte es auf einer Auktion er-standen. „Trag Sorge dazu. Es ist kostbar“, sagte er.
Neben den fremdartigen Schriftzeichen enthielt es Bilder. Eines dieser Bilder stellte den Teufel dar, wild, bocksfüssig, mit Hörnern auf dem Kopf. Obwohl ich ihn fürchte-te, war das Betrachten mit Lust verbunden, wohl eine Möglichkeit, als Fünfjähriger die Urangst herauszufordern und sie – wie im Märchen – zu überwinden.
Doch es gab nicht nur den Teufel und andere Schrecken zu sehen, es gab auch Engel. Engel, die den Hirten die Frohe Botschaft verkündeten, die den Leichnam Jesu aus dem Grab in den Himmel trugen, den Engel, der Tobias zusammen mit dem kleinen Hund nach Rages in Medien begleitete … Dieses Bild liebte ich besonders.
Die Geschichten aus der Bibel wurden mir nicht von meinen Eltern, sondern in der Sonntagsschule erzählt. Als junger Lehrer habe ich versucht, sie meinen Schülern neu zu erzählen – einfach zu erzählen – ohne Rücksicht auf die Konfessionszugehörigkeit. Kinder sollten ahnen, dass die Bibel eines jener Bücher ist, die auf die Fragen nach Gott Antworten bereithalten. Und das wunderbar in Gestalt von spannenden Geschichten und Gleichnissen.
Mit 78 Jahren stelle ich mit Freude fest, dass ich die Bibel im Laufe meines Lebens immer wieder neu gelesen habe und sie mir auch die Freiheit lässt, das darin Offenbarte ohne Angst mit der Struktur meines eigenen Wesens und der Welt von heute in Einklang zu bringen.
So wird die Frage, welches Buch ich in die Verbannung auf eine einsame Insel mitnehmen möchte, eine müssige. Es ist die Bibel.
MAX BOLLIGER, DICHTER
"Der grüne Fuchs - zwei mal sieben Märchen und Parabeln" von Max Bolliger. Verlag am Eschbach 2007. Fr. 27.70. ISBN 978-3-88671-739-2.
"Miteinander unterwegs - ein ewiger Adventskalender mit Geschichten, Gedichten und Bildern für Erwachsene" von Max Bolliger, Max Feigenwinter und Barbara Trapp. Verlag am Eschbach 2007. Fr. 26.50. ISBN 978-88671-563-9.