Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Augenblicke für ein Bild

Majestät des Herrn

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Kein Buch hat so viele Bilder angeregt wie die Bibel. Viele von ihnen stellen nicht bloss Gestalten und Szenen der Bibel dar, sondern interpretieren diese in eigenwilliger Form. Zu den dominierenden mittelalterlichen Bildtypen dieser Art gehört die so genannte „Majestas Domini“ (Majestät, Hoheit des Herrn). Diese stellt Christus wesensgleich mit Gott in seiner himmlischen Herrlichkeit dar. Die göttliche Dimension wird einerseits durch den Nimbus, den Heiligenschein, der das Haupt umgibt, andererseits durch die Mandorla, das mandelförmige Lichtfeld, welches die ganze Gestalt Christi umgibt, zum Ausdruck gebracht. Häufig sitzt der Herr auf einem grossen Halbkreis und stützt seine Füsse auf einen kleinen Halbkreis: „Der Himmel ist mein Stuhl und die Erde der Schemel für meine Füsse“ (Jesaja 66,1). Nicht selten ist das mandelförmige Feld von der Farbe des Himmels bestimmt. Zudem wird die Herrschergestalt von den Buchstaben Alpha und Omega flankiert, welche den Anfang und das Ende des griechischen Alphabets bilden. „Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommt, der Herrscher über die ganze Schöpfung“ (Offenbarung 1,8).
Christus trägt ein vornehmes Gewand, ernst und streng ist seine Miene, seine Rechte ist segnend erhoben, die Linke hält das Evangelienbuch. Umgeben ist er von den vier kosmischen Thronwesen, die auch als Evangelistensymbole verstanden werden, vom Kirchenvater Irenäus aber auch als „Bilder der Wirksamkeit des Gottessohnes“ gedeutet wurden: Der Löwe „versinnbildlicht seine Tatkraft, seine Führerschaft und sein Königtum“. Der junge Stier „verbildlicht sein Amt als Opferpriester“. Das Wesen mit dem Menschengesicht „macht seine Erscheinung als Mensch überaus deutlich“. Und der fliegende Adler „verdeutlicht, dass die Gabe des Geis-tes der Kirche zufliegt“.
Die Darstellungen der Majestät des Herrn haben ihre Wurzeln aber in visionären Texten der Bibel. Sie gehen zurück auf die Himmelsvision in der Apokalypse des Johannes (Offenbarung 4), die sich ihrerseits an prophetische Visionen des Ersten Testaments, an Jesaja 6 und Ezechiel 1 und 10, anlehnt.
Die hier abgebildete romanische Darstellung der Majestas Domini wurde um 1123 von einem Künstler, dessen Name unbekannt ist, in die Apsis der kleinen Kirche San Clemente in Tahull, einem spanischen Pyrenäendorf, gemalt. Heute befindet sich das Fresko im Katalanischen Museum in Barcelona. Es überrascht durch seine feierliche Erhabenheit, seine ausgewogene Farbigkeit und einige besondere Details.
Die vier Wesen sind als Engel gemalt, welche ihr Gesicht dem Herrn zuwenden, aber gleichzeitig dabei sind, in alle Windrichtungen aufzubrechen, wohl um seine Botschaft zu verbreiten. Der Engel des Matthäus links oben hält sein Buch hoch und sieht mit seiner eng anliegenden Tunika, um die sich der Mantel wickelt, wie ein exzentrischer Tänzer aus. Seine Füsse deuten den Weggang nur an, während ihm gegenüber der Engel des Johannes sich mit grossem Schritt entfernt und dabei sorgsam den Adler in seinem roten Gewand birgt. Darunter malte der Künstler je zwei runde Scheiben für die beiden anderen Wesen und ihre Symbole. Der Engel des Markus hält den Löwen an der Hinterpranke, der Engel des Lukas hält sich am Schwanz des Stiers fest, denn beide Tiere sind auf dem Sprung, sich zu entfernen.
Der Herr hält das offene Buch mit dem Schriftzug: EGO SUM LUX MUNDI. Er ist das Licht, das die ganze Welt erleuchten soll. In der Apsisrundung unter der Halbkuppel sind Apostel zu sehen, die ihr Buch mit der erhellenden Botschaft weitertragen. Unter der Arkade links neben dem Fenster steht Maria, die in ihrer von einem Tuch bedeckten Linken eine flache Schale hält, aus der leuchtende Strahlen aufsteigen. Manche deuten dieses Gefäss als heiligen Gral, es könnte aber auch darauf verweisen, dass „das Licht der Welt“ aus Maria geboren wurde.

WALTER ACHERMANN

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