Bibel in gerechter Sprache
Die meisten Christinnen und Christen wissen nicht, dass Gott einen Eigennamen hat. Warum? Weil bisher in jeder Bibel und damit auch in jedem Gottesdienst immer vom „Herrn“ die Rede war. Der hebräische Gottesname „JHWH“ heisst aber nun mal nicht „Herr“. Wenn also die Übersetzenden mit „Ich-bin-da“, „die Lebendige“ oder „der Ewige“ verschiedene Gottesbezeichnungen anbieten, biegen sie den Text nicht nach eigenem Wunschdenken zurecht, sondern entsprechen der jüdischen Bibelleseart und regen erst noch zum Nachdenken über das eigene Gottesbild an.
Keine Frau fühlt sich heute angesprochen, wenn es heisst „Liebet eure Feinde, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet“. Höchste Zeit, dass an solchen Stellen mit „Söhne und Töchter“ übersetzt wird.
Ebenso höchste Zeit ist es, mit dem Missverständnis aufzuräumen, das Neue Testament sei der Ersatz für das vermeintlich primitive Alte Testament. Die „Bibel in gerechter Sprache“ macht deutlich, dass sich Jesus zeitlebens als Jude verstand und auch seine ersten Anhängerinnen und Anhänger sich nicht als zu einer neuen Religionsgemeinschaft zugehörig sahen.
Die Bibel sei nun mal in patriarchalem Umfeld entstanden, und das dürfe man ihr auch ansehen, sagen Kritiker. Tut man auch, selbst in dieser Übersetzung. Da weist zum Beispiel der erste Timotheus-Brief die Frauen noch immer an, sich in ihre Unterordnung zu fügen. Zurechtgebogen wird nicht. Auch dann nicht, wenn plötzlich von Zöllnerinnen die Rede ist. Dass es solche gab, hat die sozialgeschichtliche Forschung gezeigt.
Keine antijüdische Sprache, keine Gewalt verherrlichende Sprache, geschlechtergerechte Sprache und bei allem dem Ausgangstext gerecht werden. Das sind Übersetzungskriterien, die eines Religionsbuchs würdig sind, dessen Hauptthema Gerechtigkeit ist. Die exakte 1:1-Übersetzung gibt es nicht. Übersetzen ist immer eine Gratwanderung und eine Bibelübersetzung ein nie abgeschlossenes Projekt. Damit die biblische Botschaft die Menschen stets aufs Neue anspricht, braucht es immer wieder neue Übersetzungen. Die „Bibel in gerechter Sprache“ geht mit ihrem Versuch in eine vielversprechende Richtung.
 JUDITH HARDEGGER
„Bibel in gerechter Sprache“. Hrsg. von Ulrike Bail, Frank Crüsemann, Marlene Crüsemann. Gütersloher Verlagshaus 2006. Fr. 51.90. ISBN 978-3-579-05500-8.
Schon der Titel dieser Bibelausgabe irritiert mich, weil er so tut, als ob Gerechtigkeit ein absoluter Wert sei. Aber Gerechtigkeit ist eine relative Norm, die immer wieder neu gesetzt wird. Um es an einem extremen Beispiel zu verdeutlichen: Die Sklavenhalter des 18. Jahrhunderts fanden Sklaverei nicht ungerecht. Und sie wurden vom damals herrschenden Rechtsempfinden gestützt. Auf die Bibelübersetzung angewendet, um die es hier geht: Sie mag unserem heutigen Rechtsempfinden entsprechen – aber schon in hundert Jahren wird sich dieses mit Sicherheit wieder gewandelt haben.
Nun kann man einwenden, dass es ja auch nicht um eine Bibelübersetzung für die nächsten Jahrhunderte gehe, sondern um eine, die uns heute entspricht. Allerdings ist die „Bibel in gerechter Sprache“ nicht bloss ein Versuch, die Bibel in eine als zeitgemäss empfundene Sprache zu übersetzen, wie beispielsweise die „Gute Nachricht“. Sie will mehr, und auch das drückt sich im Schlüsselwort „Gerechtigkeit“ aus. Hier wird Bibel nicht nur interpretiert, sondern auch revidiert, indem man das, was man momentan als ungerecht empfindet, „hinausschreibt“. Das kommt mir etwa so vor, wie wenn man aus Goethes Schriften sämtliche Macho-Allüren oder aus Wagners Werk den Antisemitismus tilgen würde. Goethes Frauenbild und Wagners Rassismus gehören kommentiert und erforscht, aber man darf sie sicher nicht zum Verschwinden bringen, das wäre Verfälschung und Geschichtsklitterung. Wenn also auch die Bibel dunkle Seiten hat – und die hat sie tatsächlich –, dann darf man sie nicht durch eine Übersetzung verschwinden lassen. Damit lehne ich neue exegetische Erkenntnisse nicht rundweg ab, aber sie gehören in den Kommentar und nicht in den Text.
Es ist letztlich vor allem ein Problem des Anspruchs. Und was diese Übersetzung fördert, ist letztlich Fundamentalismus: Die Bibel wird als ein absolutes, unverrückbares Monument betrachtet, das bis in den letzten Winkel „gut“ und „richtig“ sein muss, für Bewegung und Interpretation bleibt da kein Platz. Das scheint mir aber alles andere als ein Fortschritt in der Bibelwissenschaft.
THOMAS BINOTTO
"Der Teufel blieb männlich. Kritische Diskussion zur Bibel in gerechter Sprache". Hrsg. von Elisabeth Gössmann, Elisabeth Moltmann-Wendel, Helen Schüngel-Straumann. Neukirchener 2007. 254 Seiten. Fr. 27.50. ISBN 978-3-788-72271-5.