Alleine Bibel lesen
Kaum einen Haushalt dürfte es geben, in dem nicht irgendwo auf einem Bücherregal noch eine Bibel herumsteht, selbst da, wo man sich schon längst vom Glauben verabschiedet hat. Ein Erbstück der Eltern, ein persönliches Geschenk der Grossmutter, die letzte Erinnerung an die weit zurückliegende Firmung. Und dann packt einen eines Tages der Gedanke, man könnte mal wieder in diesem Buch lesen. Aber wie soll man dabei vorgehen? Damals, vor langer Zeit, hatte man schon einmal von vorne begonnen. Das Lesezeichen irgendwo in den ersten Kapiteln des Buches Levitikus zeugt noch davon, wo der Anfangselan zum Erliegen kam. Wo soll man also beginnen? Ist es überhaupt sinnvoll zu beginnen, alleine ohne viel theologisches Wissen und ohne die Hilfe geistlicher Fachkräfte?
Die Antwort darauf ist Jein. Ja, die Bibel ist zwar voll mit theologisch anspruchsvollen und für den heutigen Leser erklärungsbedürftigen Bildern. Aber alleine schon diese Bilder zu kennen, lohnt sich. Wer sie nicht mehr kennt, verliert den Schlüssel zum Verständnis von über 2000 Jahren Kunst- und Kulturgeschichte. Nein, ich würde Ihnen raten, die Bibel nie ganz alleine zu lesen. Tun Sie es immer mit Hilfe des Heiligen Geistes: „Sende dein Licht in unsere Seele, dass wir dich erkennen und in der Liebe zu dir wachsen“, stand als Gebetsvorschlag auf dem Lesezeichen meiner ersten Bibel.
Ich würde empfehlen, mit einem der Evangelien anzufangen, bevorzugt mit Lukas oder Matthäus. Jesus Christus steht im Zentrum unseres Glaubens, und ihn immer besser kennenzulernen, muss unser erstes Anliegen sein. Das war auch das Anliegen der beiden Jünger des Johannes, die Jesus fragten: „Rabbi, wo wohnst du?“ Die Antwort ist kurz und bündig: „Kommt und seht!“ Das entscheidende Wort hier ist „sehen“. Wer jemanden wirklich kennen möchte, kann sich nicht auf das Hörensagen beschränken. Es reicht auch nicht, der Person zuzuhören. Sagen kann man viel. Entscheidend ist, was man tut und ob das, was man tut, in Übereinstimmung ist mit dem, was man sagt.
Darum lädt uns Ignatius von Loyola in seinen Geistlichen Übungen zuerst einmal ein, einfach nur Szenen aus dem Leben Jesu zu lesen, zu betrachten und uns vom „Gesehenen“ berühren zu lassen. Die Predigten Jesu, seine Gleichnisse und die apokalyptischen Reden lässt er erst einmal weg. Es geht zuerst nur darum, zu sehen und innerlich mitzuerleben, was Jesus tut, wie er den Menschen begegnet, wie er Kranke und Blinde heilt, wie er mit den Sündern und den Armen an einem Tisch sitzt und wie er schliesslich die ganze Frustration und Gewalt der Menschen auf sich nimmt, ohne ihnen seine Liebe zu entziehen. Wer Jesus auf diese Weise „gesehen“ und wenigstens einigermassen kennengelernt hat, kann sich dann langsam auch mit seinen Predigten und Gleichnissen auseinandersetzen. Vieles von dem, was man dort vielleicht nicht versteht und was einen teilweise sogar irritiert, erscheint auf dem Hintergrund des konkreten Lebens Jesu in einem anderen Licht und verliert viel von seinem bedrohlichen und verstörenden Charakter. Denn in Jesus liegt der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Heiligen Schrift, vom Schöpfungsbericht angefangen bis zur Apokalypse. Und dieser Schlüssel ist die Liebe Gottes.
BEAT ALTENBACH SJ
HOCHSCHULSEELSORGER AKI