Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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GLOSSE

SOS Narrenschiff

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Einmal mehr gilt es zu berichten: Die katholische Kirche liegt voll im Trend. Zu den Topsellern der Herbstkollektion gehören: Ablasshandel, Sakralitätsfimmel und Freitagsfasten. Allerdings gilt es ehrlicherweise zu gestehen, dass nicht die katholische Kirche selbst vom Trend profitiert, sondern Fremdunternehmer, die dafür nicht einmal eine Franchise gelöst haben.
Beginnen wir mit dem eben genobelten Al Gore: Der Klimaschützer fliegt im Luxusjet durch die Welt, bewohnt ein Anwesen mit gigantischem Energieverbrauch und kennt den umweltfreundlichen japanischen Kleinwagen nur vom sich selbst Zuhören. Kurz: Gores Ökobilanz ist lausig und steht in proportional umgekehrtem Verhältnis zum Anspruch seiner Predigten. Der Heuchelfaktor ist so krass, dass sich sogar bei einem Politprofi wie ihm Gewissensbisse melden. Glücklicherweise hat Gore aber eine selbstgerechte Lösung gefunden: Er ist in den Ablasshandel eingestiegen und verkauft Klima-Zertifika-te – auch an sich selbst. Nun lebt er wieder klimaneutral und kann die Luft verpesten, so viel er will, wenn er dafür nur mit ausgleichender Gerechtigkeit Bäume pflanzen lässt – sofern sich dafür noch unverpestete Landstriche finden lassen, in denen diese auch gedeihen. Wie wurde doch schon zu Luthers Zeiten über solche Ablasshändel gereimt: Wenn der Dollar im Kasten klingt – Gore nobel in den Himmel schwingt.
Wenden wir uns einem anderen Weltenbummler zu: Keith Jarrett, der als Soft-Jazzer für gediegene Leute mit gediegenem Geldbeutel auf Tournee geht. Wer dem Klaviergott persönlich lauschen will, muss mindestens 500 Franken lockermachen und sich das exklusive Vergnügen mit 2400 anderen Eingeweihten teilen. Allerdings sollte man sich die Gaudi besser nicht im Herbst leisten. Wer Pech hat, wird dann nämlich von einer Erkältung geplagt, die sich in einem gequetschten Hüsteln Bahn bricht. Das wiederum bringt den Meister in Rage, der sein Publikum von der Kanzel herab als schlecht erzogene Bande abmahnt und mit Abbruch des geweihten Spiels droht. So geschehen am 21. Oktober in Frankfurt.
Als mündiger Katholik hätte ich dem Zeremonienmeister in diesem Moment erst recht etwas gehustet, weihevolle Kulturliturgie hin oder her. Das Publikum in Frankfurt jedoch ging reumütig in sich. Nicht einmal das verbliebene Kleingeld im Portemonnaie hat danach mehr geklingelt und wahrscheinlich mussten später einige besonders demütige Jüngerinnen und Jünger wiederbelebt werden, weil sie das Atmen vorsichtshalber gleich ganz eingestellt hatten.
Zu guter Letzt widmen wir uns in aller Kürze dem Freitagsfasten, das in einem Pilotversuch vom weltgrössten Chiphersteller Intel wieder eingeführt wurde. Dort hat die digitale Elite den Freitag zum E-Mail-freien Tag erklärt. Man verspricht sich davon mehr Effizienz, verbesserte Kommunikation und klügere Ideen. Statt mailen sollen die Leute endlich wieder einmal ein vernünftiges Gespräch führen. Wir nähern uns der SMS-freien Liebesbeziehung …
Eintrag ins Logbuch: Wenn wir nicht aufpassen, kommt wohl bald einer und schnappt uns auch noch Nächstenliebe und Seelsorge weg, nennt das Ganze modisch-trendig „Face2Face-Communication“ und kriegt dafür den Friedensnobelpreis.

THOMAS BINOTTO

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Das „Narrenschiff“, 1494 von Sebastian Brant verfasst, ist eine spätmittelalterliche Satire, in der durch bewusste Übertreibung der Zeitgeist karikiert wird.