Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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31. Sonntag im Jahreskreis (4. November): Buch der Weisheit 11,22–12,2

Nur ein Staubkorn

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Das letzte Drittel des Buches der Weisheit ist ein einziges Gebet, das die Grösse Gottes preist: Die ganze Welt ist ja vor dir wie ein Stäubchen auf der Waage, wie ein Tautropfen, der am Morgen zur Erde fällt. Der Verfasser war ein gebildeter Jude. Er lebte vermutlich im ersten Jahrhundert vor Christus im ägyptischen Alexandria und schrieb griechisch. Er machte dasselbe wie wir, wenn wir die Erkenntnisse der Naturwissenschaft mit dem Glauben zu verbinden suchen. Sein Wissen über die Welt und sein Staunen über die Schönheit der Natur führen ihn zum Ausruf: Wie unvorstellbar gross muss der sein, der alles ins Dasein gerufen hat!
Wenn die Welt – und damit ist auch ihre „Umgebung“ gemeint inklusive Sonne, Mond und Sterne – vor Gott nur so klein ist wie ein Stäubchen oder ein Wassertropfen, wie winzig ist dann erst der Mensch? Beschleicht uns nicht heute noch dasselbe Gefühl, wenn wir den Sternenhimmel betrachten oder an die unermesslichen Zeiträume der kosmischen Entwicklung denken?
Doch die Bibel wäre nicht die Bibel, wenn es bei dieser unfassbaren und weltüberlegenen Allmacht Gottes bliebe. Für den Gott der Bibel ist jedes einzelne der kleinen Menschlein auf dem Tautropfen Erde wichtig. Das erklärt, warum diese Preisung des Schöpfers nicht nur Selbstzweck ist, sondern als Antwort dient auf die befremdende Frage: Auf welche Weise straft Gott?
Darum auch hat die Leseordnung der Kirche diesen Abschnitt der Geschichte von Zachäus zugeordnet. Zachäus, korrupt und reich, bekehrt sich, als Jesus ausgerechnet ihn zuhause besucht. Die Begegnung mit Jesus rettet den Verlorenen. In Jesus erfährt Zachäus die liebevolle Zuwendung Gottes, von der auch das Buch der Weisheit voll ist. Der Verfasser schliesst von der Grösse des Schöpfers direkt auf die Grösse seines Erbarmens. Darauf muss man erst einmal kommen:
„Du hast mit allen Erbarmen, weil du alles vermagst, und siehst über die Sünden der Menschen hinweg, damit sie sich bekehren. Wie könnte etwas ohne deinen Willen Bestand haben oder wie könnte etwas erhalten bleiben, das nicht von dir ins Dasein gerufen wäre? Du schonst alles, weil es dein Eigentum ist, Herr, du Freund des Lebens. Denn in allem ist dein unvergänglicher Geist.“ (Weish 11,23.25.26)
Viel Vertrauen spricht aus diesen Sätzen: zuerst das Vertrauen, dass Gott niemals vernichtend, sondern immer nur didaktisch straft. Schöpfungsglaube und Angst vor Verdammnis schliessen sich schlichtweg aus. Doch mehr noch: Der Verfasser vertraut darauf, dass sogar das, was wir mit unserer begrenzten Optik für schlecht halten, in Gottes Augen Sinn macht. Es ist dasselbe Vertrauen, das auch Jesus beseelt hat und es ihm möglich machte, auf Menschen liebevoll zuzugehen, die in den Augen der andern Abscheuliches getan hatten.
Damit öffnet sich nochmals eine schwindelerregende Perspektive: Könnte es denn sein, dass menschliche Schlechtigkeit in den Augen Gottes so verschwindend klein ist, wie es das Bild von der Welt als Staubkorn nahe-legt? Atombomben, Konzentrationslager, Terror, Umweltzerstörung, Kindsmissbrauch – nur Sandkörner im Getriebe der Welt? Alles in uns wehrt sich gegen solche Verharmlosung. Sie braucht jedoch nicht zum Ruhekissen zu werden, sondern kann helfen, mit kühlerem Kopf das Notwendige und Menschenmögliche zu tun.   

GISELA TSCHUDIN,
GEMEINDELEITERIN ST. MARTIN

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"Die ganze Welt ist vor dir wie ein Tautropfen". Weisheit 11,22. FOTO: ARCHIV CHRISTOPH WIDER