Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Literatur

Lieblingsbücher

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Von Astrid Lindgrens Büchern wurden al-leine in deutscher Sprache über 30 Millionen Exemplare verkauft. Dementsprechend haben wir (fast) alle unser persönliches Lindgren-Lieblingsbuch. Eine willkürliche und unvollständige Umfrage quer durch die Generationen:

RONJA RÄUBERTOCHTER
Ungefähr mit zehn Jahren war ich bitter enttäuscht, dass mich meine Eltern Sonja getauft hatten und nicht – Ronja. Und dass wir in einem gewöhnlichen Einfamilienhaus wohnten und nicht auf einer Burg. Und dass wir nicht fluchen durften wie die Räuber, schon „Hosenschisser“ war tabu. Und dass meine Mam mich nur in die Schule schickte – sie war übrigens Lehrerin – und nicht hinaus, zur Entdeckung der Welt. Aber das tat ich trotzdem. Zu Weihnachten wünschte ich mir ein gefährliches Messer und damit zogen wir los ins nahe Wäldli. Wir spielten Räuber, schnitzten Bogen und Pfeile, fischten im Bach, probten den Frühlingsschrei, verkrachten und versöhnten uns und wenn es einnachtete, dann fürchteten wir uns ein bisschen vor den emmentalischen Grausedruden und Rumpelwichten. Doch wie hatte Ronja gesagt: „Am sichersten ist man, wenn man sich nicht fürchtet.“ Ich bemühte mich.
Die mutige, weise Räubertochter mit dem Löwenherz, die sich gegen Vorurteile stemmt, gegen Ungerechtigkeiten kämpft, unerschrocken zu ihrer Meinung steht und der Natur mit Ehrfurcht begegnet, hat mich lange begleitet. Noch heute hat das Buch einen Ehrenplatz auf meinem Büchergestell. Und als ein Journalisten-Kollege seine Tochter kürzlich nicht einfach nur Sonja, sondern Ronja taufte, freute ich mich ganz besonders.
SONJA HASLER, MODERATORIN

Leider gehöre ich nicht zu jener Generation, die Astrid Lindgrens Bücher als Kind zu lesen bekam. Es gab sie noch nicht.
Ich gehöre zu jenen, die in den Fünfzigerjahren als junge Lehrer vor der Klasse standen und zu entscheiden hatten, mit welcher Geschichte sie die Woche am Samstag (!) ausklingen lassen wollten.
Pippi Langstrumpf war noch neu auf dem Markt und wurde von der Jugendbuchkommission des Schweizerischen Lehrervereins nicht empfohlen. Eben dabei, selbst zu versuchen, Geschichten zu schreiben, für mich ein Grund mehr, es zu lesen (und am Ende zu solchen Büchern zu stellen, wie ich sie selbst gerne geschrieben hätte).
Mein Lieblingsbuch von Astrid Lindgren aber ist eines ihrer späteren Werke: „Ronja Räubertochter“.
Eine Geschichte, die einmal mehr ein wichtiges Kriterium für die Bewertung eines Kinder- oder Jugendbuches bestätigt: Es ist auf einer anderen Ebene für Erwachsene genau so „gut“ wie für Kinder.
Lesen Sie’s! Eine wunderbare Geschichte von Liebe und Freundschaft.
MAX BOLLIGER, DICHTER

MADITA
Wenn ich an sie denke, kommt mir zuerst das Bild auf dem Buchdeckel des dtv-Taschenbuchs in den Sinn: Ein Mädchen in blauem Kleid und mit ebenso blauer Schleife im Haar fliegt mit einem schwarzen Regenschirm vom Dach eines roten Schuppens. Ein Regenschirm ist ein Schirm, ein Fallschirm ist auch ein Schirm – also muss es funktionieren. Das ist
Maditas Logik. Natürlich funktioniert es nicht und der kurze Flug vom Schuppendach beschert ihr eine Hirnerschütterung. Sie muss das Bett hüten. Auch ich musste das Bett hüten – mit Mumps –, als ich „Madita“ geschenkt bekam. Ihre verrückten Einfälle waren da eine willkommene Abwechslung. Sie war ein bisschen wie eine Freundin. Damals als Neunjährige hatte ich zudem oft die gleiche Frisur wie Madita, und die Umgebung von Birkenlund, wo sie mit den Eltern und ihrer kleineren Schwester Lisabet im grossen roten Haus unten am Fluss lebt, erinnerte mich etwas an unser Maiensäss im Bünderland, wo ich regelmässig die Ferien verbrachte. Madita ist allerdings das viel grössere Lausmädchen, als ich es war! So erlebte ich mit ihr Dinge, die ich „allein“ nicht getan hätte …
ALEXANDRA DOSCH, THEOLOGIN

WIR KINDER AUS BULLERBÜ
Warum eigentlich? Astrid Lindgren hat phantasievollere und angriffigere Bücher geschrieben als die Geschichten von sechs Kindern in einem abgelegenen Weiler mit drei Familien auf drei Höfen. Meine Frau suchte im Kinderbuchladen etwas, das sich zum Vorlesen für zwei Enkel im frühen Primarschulalter eignete. Der Versuch mit den Turnachkindern war fehlgeschlagen. Zu altmodisch. „Wir Kinder aus Bullerbü“ dagegen fand Interesse. Der rote Einband und die hübschen Zeichnungen von Ilon Wikland trugen dazu bei. Vor allem reizte die konsequente kindliche Perspektive, mit der sich meine Zuhörer identifizieren konnten. Die Erwachsenen spielen Nebenrollen, ausser dem Grossvater, für den ausser den Kindern niemand Zeit hat. Er erzählt ihnen aus seinem Leben, und ihm werden die Erlebnisse berichtet, die glücklichen und die enttäuschenden. Nur von aussen gesehen eine heile Welt. Die drei Knaben und die drei Mädchen sind wechselseitige Spielverderber. Wenn die einen etwas Feines unternehmen, werden sie von den andern entdeckt und ausgelacht. Bullerbü wurde für meine Enkel zur Sucht. Der ältere wünschte sich die Gesamtausgabe der drei Einzelbände und las nun selbst, bis er ganze Geschichten praktisch auswendig wusste und mich bei Versprechern korrigierte: „Jajajaja, nicht jajaja, sagte der Grossvater.“
GEORG KAUFMANN, ARZT

FERIEN AUF SALTKROKAN
Dieses Buch habe ich zwar nur ein Mal gelesen – die Filme dafür schon x-mal gesehen. Das ist auch ganz richtig so, denn zuerst gab es die Filme, für die Astrid Lindgren die Drehbücher geschrieben hat, und erst später wurde daraus ein „richtiges“ Buch. Familie Melker verbringt auf einer kleinen Ostseeinsel Ferien genauso, wie sie sein sollten. Es gibt für mich kein vollkommeneres Feriengefühl als jenes, das diese Filme und das Buch vermitteln. Und manchmal reichen die Gefühle sogar aus, einen trüben Sommer zu Hause auszuhalten.
„Ferien auf Saltkrokan“ sind mit mir zusammen gewachsen: Als Kind waren Pelle und Tjorven meine Helden, als Jugendlicher habe ich mich in die hübsche Malin verliebt, als Jungvater war ich dem „Trollkind“ Skrollan verfallen, jetzt finde ich mich im tolpatschigen Melcher wieder, der sich erfolglos als Familienoberhaupt versucht. Und immer wieder versuchen wir, eine Familie Melcherson zu werden, nicht nur in den Ferien. Manchmal gelingt uns das sogar.
THOMAS BINOTTO, JOURNALIST

IMMER DIESER MICHEL
Es ist exakt der zweite Satz, der meinen Sohn ungläubig den Kopf schütteln lässt. Diese Geschichte handelt von einem kleinen wilden und eigensinnigen Jungen, „nicht etwa so brav wie du“, heisst es da. Zwei Sätze und die ganze Magie ist da. Mein Sohn ist fasziniert von der Vorstellung, dass der Held der Geschichte noch mehr Unfug im Kopf hat als er selber. Hinzu kommt, dass da jemand begriffen hat, dass er ein braver Junge ist. Schliesslich findet gar die Mutter auf der übernächsten Seite zur Gewissheit, dass ihr Sohn einst ein bedeutender Mann sein wird. Trotz der Flausen. Oder (mein moralisches Erziehungsgerüst wankt ein bisschen) gerade deswegen? Schliesslich hat es auch Michel aus Lönneberga bis zum Gemeinderatspräsidenten geschafft.
Und in Zeiten, wo Supernannies durch die Kinderzimmer tigern, „stille Stühle“ aufstellen und von Auszeiten sprechen, sollten wir uns vielleicht wieder an den Holzschuppen erinnern, den Astrid Lindgren schon vor über 40 Jahren im „Michel“, dem Buch für Bubenmütter, beschrieben hat. Ich jedenfalls wünschte mir manchmal so einen Holzschuppen. Nicht etwa für meine beiden Söhne, sondern ganz für mich allein.
BELINDA SALLIN, JOURNALISTIN


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LESETIPPS

• Jacob Forsell, Johan Erséus, Margareta Strömstedt: „Astrid Lindgren – Bilder ihres Lebens“
Oetinger 2007.
• Astrid Lindgren: „Zum Donnerdrummel! – Ein Werkporträt“ Oetinger 2002.
• Astrid Lindgren: „Das entschwundene Land“, Oetinger 2006.
• Astrid Lindgren: „Steine auf dem Küchenbord – Gedanken, Erinnerungen, Einfälle“ Oetinger 2000.
• Felizitas von Schönborn: „Astrid Lindgren – Das Paradies der Kinder“ Herder 1995.
• Margareta Strömstedt: „Astrid Lindgren – Ein Lebensbild“ Oetinger 2001.
• Vivi Edström: „Astrid Lindgren und die Macht des Märchens“ Oetinger 2004.
• Jørgen Gaare, Øystein Sjaastad: „Pippi & Sokrates – Philosophische Wanderungen durch Astrid Lindgrens Welt“ Oetinger 2003.

… und der Schuber für alle Einsteiger und Missionare:
Jubiläumsedition „Astrid Lindgren in 12 Bänden“ Oetinger 2007.
Enthält: „Karlsson vom Dach“, „Kalle Blomquist“, „Die Kinder aus Bullerbü“, „Mio, mein Mio“, „Michel aus Lönneberga“, „Ferien auf Saltkrokan“, „Die Brüder Löwenherz“, „Madita“, „Rasmus und der Landstreicher“, „Rasmus, Pontus und der Schwertschlucker“, „Ronja Räubertochter“, „Pippi Langstrumpf“ und „Erzählungen und Märchen“.


www.astrid-lindgren.de