Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 23, 2007 Liebe Leserin, lieber Leser
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Liebe Leserin, lieber Leser

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Ich gebe gerne zu: Astrid Lindgren ist für mich ein Wunder. Und je älter ich werde, desto grösser wird dieses Wunder. Und je mehr ich schreibe (besonders wenn es für Kinder ist), desto ehrfürchtiger wird meine Bewunderung. Ihre Reaktion auf meine Bewunderung allerdings würde wohl kurz und knapp in den Worten von Michels Freund Alfred ausfallen: „Lass den Schiet!“ Und ich wäre erst recht hin und weg, weil das genau das ist, was ihre Erzählungen so grossartig und einmalig macht: Es fehlt darin das Moralin, das Gesülze, der pädagogische Zaunpfahl und die mit den Zähnen knirschende gute Absicht.
Dafür stimmen all die Kleinigkeiten, die ein Kinderleben prägen und die in Wahrheit alles ausmachen. Bei Pelle, der temporär ins Exil geht, weil man ihn falsch verdächtigt. Bei Lotta, die ihren Pulli zerschneidet, weil sie ihn nicht tragen mag. Und bei Papa Melcher, der glaubt, Kinder zu hüten sei eine angenehme Nebenbeschäftigung, die sich mit ein paar markigen Grundsatzerklärungen vom Schreibtisch aus dirigieren lässt. In der genauen Beobachtung und Schilderung des Alltags, im Zeichnen glaubwürdiger Charaktere ist Astrid Lindgren unschlagbar, zeitlos, universell – wahrer als wahr.
Mit Pippi, Kalle, Madita, Rasmus, Ronja, Michel und all meinen anderen Lindgren-Kumpanen erlebe ich alles, was im Leben wichtig ist. Alles, was es zu lernen gilt, wenn man ein Mensch sein möchte und nicht ein Häuflein Dreck. Die grossen wie die kleinen Fragen. Die grossen wie die kleinen Werte. Die grossen wie die kleinen Wahrheiten. Und deshalb ist Astrid Lindgrens Werk für mich ein Wunder, obwohl sie kein einziges religiöses Buch geschrieben hat.
Darf man in einem Pfarrblatt den 100. Geburtstag einer Autorin feiern, die von sich selbst behauptet hat, nicht religiös zu sein? Man muss! Zum Donnerdrummel!

THOMAS BINOTTO

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Thomas Binotto