Das Ende einer Ära
Schwester Johanna Eberle ist Lehrerin mit Leib und Seele: „Mir war es wichtig, die Jugendlichen ganzheitlich zu erfassen, deshalb genoss ich es, als B-Lehrerin praktisch alle Fächer an derselben Klasse zu unterrichten“, erzählt sie lebhaft. „Meine Hauptaufgabe sah ich darin, das Selbstvertrauen der Schülerinnen und Schüler aufzubauen. Nach einigen schulischen Misserfolgen sollten sie wieder neu an sich glauben und Erfolgserlebnisse haben.“ Wie sie das angestellt hat? „Ich habe viel Wert auf die Klassengemeinschaft gelegt. Gemeinsame Aktivitäten, sportliche Erfolge an Schülerturnieren, Einsatz am Schulfest und kleinste schulische Fortschritte oder auch nur Fleiss und Ausdauer waren Gelegenheiten, den Jungen und Mädchen zu zeigen, was sie können und wie stolz ich auf sie bin.“ Viele Jugendliche habe sie erlebt, die mit ganz schlechten Noten kamen, sich aber auffingen und neuen Mut fassten. „Von vielen weiss ich, dass sie auch nach der Lehre Mut zu einer weiteren Ausbildung hatten“, freut sich die engagierte Lehrerin. Eine Gruppe Buben konnte Schwester Johanna bis zur kantonalen Meisterschaft im Handball begleiten, eine Mädchengruppe sogar bis zur Schweizer Meisterschaft, da der Turnlehrer Josef Horvath sie so gut trainiert hatte. „Solche Erlebnisse stärkten jeweils die Klassengemeinschaft enorm“, weiss Johanna Eberle. Die Berufswahlvorbereitung und Unterstützung bei der Lehrstellensuche war ein weiterer Schwerpunkt ihrer Tätigkeit.
Von der Schule Abschied zu nehmen, wo sie weit über die normalen Zeiten hinaus präsent war und sich auch in ihrer Freizeit für „ihre“ Kinder einsetzte, fällt nicht leicht. „Ich fand aber immer, dass ich mich pensionieren lasse, wenn die Zeit gekommen ist“, hält sie fest. Es sei Zeit, sich für neue Aufgaben zu öffnen. Diese werden nicht mangeln: Sie wurde von ihrer Kongregation in den Provinzrat gerufen, ins Schweizer Leitungsteam. „Unsere Gemeinschaft verändert sich“, erläutert Schwester Johanna. „Die indischen Provinzen zählen bereits 830 Schwestern, darunter viele junge – während wir in der Schweiz noch knapp 500 Schwestern mit einem sehr hohen Durchschnittsalter sind.“ Doch gerade auf dem Gebiet der Betagtenpflege könnten die Schwestern eine Vorbildfunktion für die Gesellschaft wahrnehmen. Im vergangenen Sommer hat das Generalkapitel zudem eine neue Generaloberin gewählt, Schwester Alma Kohler aus Kapstadt, Südafrika. Auch will sich der Orden künftig aktiver und bewusster für Menschenrechte und Menschenwürde einsetzen.
Am 22. April 1924 wurde an der Schienhutgasse in Zürich die erste Katholische Schule mit einer Mädchenklasse von 32 Schülerinnen eröffnet. Die Kongregation der Menzinger Schwestern, deren Berufung der Dienst in der Schule und an den Kranken ist, stellte die Lehrerinnen, die zu einem äusserst geringen Lohn arbeiteten. Später zog die Mädchenschule an den Hirschengraben (ins heutige Zentrum 66), und 1981, als gemischte Schule, ins Schulhaus Kreuzbühl. (Weitere Schulhäuser der Katholischen Schule entstanden an der Sumatrastrasse, Nähe Central und in Wiedikon.) Bis 1990 haben die Menzinger Schwestern für die Schule Hirschengraben und später Kreuzbühl auch die Schulleiterin gestellt, zuletzt amtete Schwester Theresita Falk. Im Laufe der Jahre wurden die Schwestern mehr und mehr durch „Laien“ ersetzt, und in diesem Sommer wurde mit Johanna Eberle die letzte Schwester im Schuldienst an der Katholischen Schule pensioniert. Am Schulfest vom 24. und 25. November im Sumatra wird sie jedoch selbstverständlich mit dabei sein: Sie freut sich auf viele Begegnungen mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrerkolleginnen und -kollegen.
BEATRIX LEDERGERBER-BAUMER
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