Schweigen die Kirchen?
Immer wieder wird im Zusammenhang mit Dignitas die Behauptung aufgestellt, die Kirchen würden dazu schweigen. Wer jedoch die Diskussionen um Exit, Dignitas und Gesetzesregelungen im Bereich des begleiteten Suizides vor Augen hat, wird feststellen, dass die Kirchen die Würde des menschlichen Lebens immer wieder in den Vordergrund gestellt haben und sie auch einfordern. Nur – und das ist auch eine Tragik der Ereignisse: Diese Stellungnahmen werden selten wahrgenommen, weil man davon angeblich nicht direkt betroffen ist und die Problematik von sich fernhalten will. Erst jetzt, wo sie so nah kommt, wächst die Aufmerksamkeit und Sensibilität. Die mit den Ereignissen von Stäfa verbundene Betroffenheit beruht auf einer Grundsatzfrage, die unabhängig von Ort und Häufigkeit zu stellen ist: Ist Sterben für mich ein Teil des Lebens?
STERBEN GEHÖRT ZUM LEBEN
Die Kirchen wehren sich gegen ein einseitig an den Idealen von Unabhängigkeit, Leistungsfähigkeit und Gesundheit orientiertes Handeln. Eine einseitige Betrachtung des Lebens, die seinen dunklen Seiten aus dem Weg geht, setzt Schwerkranke und Sterbende dem Zwang zur Rechtfertigung ihres Daseins aus.
Das Sterben ist nicht einfach das Ende, sondern selbst ein Teil des Lebens. Wo kranke und sterbende Menschen nicht aus dem gesellschaftlichen Leben verbannt werden, erinnern sie an eine einfache Wahrheit unseres Menschseins, die für alle gilt: Wir existieren als endliche Wesen und unsere Würde besteht gerade darin, in unserer Begrenztheit leben und sterben zu dürfen.
Im Tod geht es um die irdische Vollendung des Lebens, die von jedem Menschen, soweit es die Umstände seines Sterbens erlauben, bewusst angenommen werden soll. Dazu bedürfen Sterbende der Hilfe und Unterstützung in vielfacher Form. Ein humaner Sterbebeistand verfolgt das Ziel, einem sterbenden Mitmenschen Raum für die Annahme seines eigenen Todes zu gewähren. Sie belässt ihm das Recht auf das eigene Sterben – aber nicht durch manipulierte Selbsttötung, sondern im Sinn einer bewussten Annahme des Todes.
PERMANENTE SOLIDARITÄT
Menschenwürdiges Sterben ist überhaupt nur unter der Bedingung möglich, dass personale Beziehungen und das Angebot menschlicher Nähe aufrechterhalten werden. Solidarität mit Sterbenden besteht nicht darin, ihnen einen Weg zu weisen, wie sie sich beizeiten aus dem Leben verabschieden können, bevor sie anderen zur Last werden. Wirkliche Hilfe, die der Herausforderung des Sterbens nicht ausweicht, erfordert vielmehr die Bereitschaft zum Dabeibleiben, zum geduldigen Ausharren und zum gemeinsamen Warten auf den Tod.
Im Ertragen dieser Ohnmacht zeigen sich eine tiefere menschliche Solidarität und eine entschiedenere Achtung vor der Würde des sterbenden Menschen als in dem Ausweg einer willentlichen Herbeiführung des Todes durch andere oder den Sterbenden selbst.
Wie wir das eigene Sterben bestehen werden, ob voller Hoffnung oder in tiefer Verzweiflung, kann keiner von uns vorhersehen. Wir müssen lernen, angesichts des Todes mit offenen Fragen zu leben. Nicht in der Absage an die Hoffnung, sondern nur auf dem Weg der Liebe, die „allem standhält“ (1 Kor 13,7), werden wir der Not des Sterbens gerecht.
In diesem Sinne wehrt sich auch unsere Glaubensgemeinschaft gegen die Handlungsweise von Dignitas und fordert nicht erst seit den jüngsten Diskussionen mehr Achtung gegenüber dem menschlichen Leben – von seinem Anfang bis zu seinem Ende.
KURT VOGT
Faltblatt der Schweizer Bischofskonferenz zum Thema
http://www.kath.ch/sbk-ces-cvs/pdf/sterben.pdf