Lichte Würde
Vorangegangen war der feierlichen Zeremonie eine sechseinhalbjährige Restauration unter der Leitung des Bündner Architektenduos Rudolf Fontana und Gioni Signorell. Dabei wurde die Kathedrale so wiederhergestellt, wie sie 1921 bis 1925 von Emil und Walther Sulser renoviert worden war. Das Innere des 700-jährigen Gotteshauses ist durch eine umfassende Reinigung viel heller geworden, dezentes Licht unterstreicht die spätromanische Grundstimmung. Harmonisch fügen sich die Neuerungen ins historische Erbe ein: Als sakrales Zentrum ist der Bereich des neuen Volksaltars vor dem Hochchor eingerichtet worden. Schlichte Sandstein- und Marmorformen bilden Altar, Ambo, Kathedra und Taufbecken. Die Krypta wird durch emporrankende Bronzestäbe abgetrennt. Die spektakulärste Neuanschaffung ist die Orgel, welche die Empore trägt und den Blick aufs Westfenster freigibt. Ihre klare Formensprache wird aufgenommen von den modernen Kirchenbänken. Erneuert wurden auch Heizung und technische Installationen.
Von grosser kunsthistorischer Bedeutung sind die Konservierung und Restaurierung der gotischen Wandmalereien. In sorgfältiger Kleinarbeit mit dem Skalpell wurden die Gemälde des Waltensburger Meisters aus dem 14. Jahrhundert so bearbeitet, dass sie besser zur Geltung kommen denn je. Die Anbetung der Heiligen Drei Könige im Westjoch der Nordwand ist von bezaubernder Zartheit.
PRUNKSTÜCK HOCHALTAR
Besonderer Sorgfalt bedufte die Restaurierung des Hochaltars, dem eine Warmluftheizung ab 1938 sehr zugesetzt hatte. Die Schäden durch die trockene Luft waren derart gross, dass der Altar nicht aus der Kirche entfernt werden konnte, sondern eingerüstet vor Ort in minutiöser Feinarbeit bearbeitet werden musste. Nun strahlt der in seinem Figurenreichtum unübertroffene spätgotische Flügelaltar wieder in alter Frische himmlische Freuden aus: Eine mütterliche Maria mit Kind sitzt von Heiligen und Engeln umgeben in der Mitte des Schreins. Im Gesprenge wird die Mutter Gottes gekrönt. Nur in der Predella sind drei Szenen aus der Leidensgeschichte Christi dargestellt. Die Kreuzigung ist auf die Rückseite verbannt. Geschnitzt wurde der Altar 1492 von Jakob Russ von Ravensburg.
In ihren ehemaligen Zustand zurückversetzt wurde auch die Turmuhr: Das mechanische Werk wurde wieder in Betrieb genommen. Renoviert wurden zudem der Turm und die Fassaden; der Priesterfriedhof wurde abgesenkt.
Die Churer Kathedrale zählt zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern der Schweiz. An den Restaurierungskosten von 23 Millionen beteiligten sich die katholische Kirche Zürichs und der Kanton Zürich mit ca. drei Millionen Franken.
PIA STADLER
LITERATURHINWEIS
Hermann Schlapp: „Die Kathedrale von Chur. Festschrift zur Wiedereröffnung 2007“ Chur 2007. 104 Seiten.