Kirche oder Gesellschaft?
Männer mit Perücken auf dem Kopf, Knochen an Mund und Ohren und wild bemalt – solche Bilder schiessen manchem in Zusammenhang mit Papua-Neuguinea durch den Kopf. Doch dieses Land wird von Menschen bewohnt, die sich der modernen Welt öffnen wollen. Die Frauen engagieren sich besonders: sowohl in der Kirche wie auch in der Gesellschaft. Während dieses doppelte Engagement bei uns oft in Frage gestellt wird, ist es in diesem Inselstaat Ozeaniens für die Christinnen und Christen eine Selbstverständlichkeit und nicht zuletzt auch eine Notwendigkeit.
AUF DEM WEG ZUR EINHEIT
Zwischen 700 und 900 Sprachen gibt es in Papua-Neuguinea. Da scheint es fast unmöglich, dass sich die Menschen untereinander verstehen. Doch zum Glück gibt es das Pidgin-Englisch, das viele sprechen und verstehen können. Denn Verständigung ist in diesem Land, das noch stark im Stammesdenken verwurzelt ist, ausserordentlich wichtig. Allzu oft belasten Stammesfehden das Alltagsgeschehen und behindern die Entwicklung Papua-Neuguineas. Denn die ist dringend nötig. Obwohl das Land viele Ressourcen zu bieten hätte, beschränken sich die ökonomischen Anstrengungen oft nur darauf, das Allernötigste für die eigene Familie zu erwirtschaften. Ein Miteinander wäre da für eine prosperierende Zukunft dringend erforderlich. Während sich der Staat, geprägt durch Politiker, die sich vor allem für das eigene Wohl ins Zeug legen, schwer tut, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, strebt die Kirche gesellschaftliche Verbesserungen an.
ZUM ENGAGEMENT BERUFEN
Die Kirche Papua-Neuguineas beteiligt sich aktiv am Aufbau der Gesellschaft, aus Berufung. Jesus predigte nicht nur das Reich Gottes, sondern lebte es auch. Das zweite Vatikanum betont dieses Engagement: „Der nach Gottes Bild geschaffene Mensch hat ja den Auftrag erhalten, […] die Welt in Gerechtigkeit und Heiligkeit zu regieren und durch die Anerkennung Gottes als des Schöpfers aller Dinge sich selbst und die Gesamtheit der Wirklichkeit auf Gott hinzuordnen, […].“ Und der Bischof von Mendi, einer Diözese in den Southern Highlands, sagt es so: „Frauen und Männer, die glauben, fühlen sich ganz natürlich dazu berufen, ihren Glauben zu leben, indem sie ihren Mitmenschen dienen. Mit Blick auf das Reich Gottes engagieren wir uns deshalb als Kirche in der Gesellschaft und tragen dazu bei, dass das Leben auf Erden besser wird.“ Die Christinnen und Christen Papua-Neuguineas bauen darum tatkräftig an einer besseren Gesellschaft mit und setzen sich bewusst auch in der Gesellschaft ein.
MUTTER, LEHRERIN UND MISSIONARIN
Der Slogan der diesjährigen Kampagne „Kirche oder Gesellschaft? Als Christin engagiere ich mich in beiden“ stammt von Cathy Pilang. Sie ist eine gut ausgebildete Pflegefachfrau, die locker einen Job beim Staat oder bei einer internationalen Hilfsorganisation bekäme und damit am Ende des Monats auch eine vollere Lohntüte nach Hause tragen könnte. Doch aus Überzeugung hat sie sich für eine Arbeit im Rahmen der Kirche entschieden, denn der Beruf ist für sie eine Herzensangelegenheit.
„Mein Beruf entspricht dem, was ich im Herzen trage.“ Cathy Pilang ist als Pflegefachfrau tätig und gibt darüber hinaus ihr Wissen an junge Menschen weiter. Sie unterrichtet an der Krankenpflegeschule der Diözese Mendi und steht dieser Schule sogar vor. Ihr ist es wichtig, dass junge Menschen eine Ausbildung machen können und zum Aufbau der Gesellschaft beitragen. Sie fühlt sich aber auch in der Rolle als Mutter und Missionarin wohl. Sie versucht, den Kindern ihren Glauben weiterzugeben, und hilft in der Ortskirche mit.
DINGE ANPACKEN
Der Bischof Steve Reichert ist so beliebt, dass die Leute ihn am liebsten zum Provinzgouverneur machen würden, weil er klare Worte spricht und so entscheidet, dass sich alle Leute bis in die Basis eingeschlossen fühlen. Aber für den Bischof ist klar, dass er nur einem „Herrn“ dienen kann. Die Menschen haben den Eindruck, dass die Kirche weiss, wie man die Dinge anpackt und Visionen umsetzt. Dieses Wissen und diese Kompetenz möchte sie einerseits weitergeben, aber auch in die Gesellschaft einbringen. Viele Laien, Frauen und Männer, setzen sich für die Ortskirche ein und übernehmen Verantwortung. So lernen sie, was es heisst, zusammen etwas auf die Beine zu stellen. Diese Erfahrung hilft ihnen dann, wenn es darum geht, einen verantwortungsvollen Posten in der Gesellschaft zu besetzen. Die Kirche bringt sich aber auch ganz konkret in das öffentliche Leben ein: Schulen und Gesundheitszentren gehören zu ihrem täglichen Geschäft. Die Institutionen der öffentlichen Hand wären ohne den Einsatz der Kirche überfordert.
UND DIE SCHWEIZ?
Unser Alltag ist geprägt durch die weit gehende Trennung von Kirche und Staat. Seit der Säkularisierung haben wir uns daran gewöhnt. Institutionen wie Schulen oder Krankenhäuser sind bei uns längst in öffentlicher Hand. Soll sich da die Kirche überhaupt noch gesellschaftlich einmischen? Ist es nicht einfacher und erwünscht, sich in den privaten Raum zurückzuziehen? Mindestens werden wir durch das Zeugnis der Kirche Papua-Neuguineas in Frage gestellt. Die Schweizer Katholikinnen und Katholiken sind während des Weltmissionsmonats Oktober dazu eingeladen, eine Antwort zu versuchen.
THOMAS EBNETER, MISSIO